Auferstanden aus der Asche

Von Robert Denton III

Eine Woche später, im Osten, in den Phönix-Landen … Tsukune war schon fast über die Schwelle des Waldschreins getreten, als sie ihren Fehler bemerkte. Sie zuckte zusammen, als sie den heiligen Boden auf der anderen Seite des Torii-Bogens mit dem rechten anstatt dem linken Fuß zuerst betrat. Vor den Augen der anderen Phönix-Krieger und mitten in der Heimstatt ihrer Ahnen war sie in ihren Familienschrein hineingeplatzt, als ob sie eine Löwin sei.

Als beide den Eingangsbereich des Schreins hinter sich gelassen hatten, flüsterte Tsukune dem Mann, der mit ihr Schritt hielt, zu: „Ich habe es schon wieder getan.“

„Niemand hat es bemerkt“, antwortete Tadaka. „Geh einfach weiter.“

Tsukune verbarg ihre Hände in den Ärmeln ihres Kimonos und glich ihre Geschwindigkeit der ihres Schützlings an, um die wortlose Prozession der Haarknoten, der Mon-Embleme der Shiba-Familie und der cremeweißen Obi nicht durcheinander zu bringen. Sie folgten einem verschlungenen Pfad, stiegen steinerne Stufen hinauf und gingen unter feuerroten Torii-Bögen hindurch. Der rosafarbene Zwergphlox, mit dem die Hänge zu beiden Seiten des Pfades über und über bedeckt waren, bewegte sich leicht in der frischen Brise. Vom Windstoß erfasste Blütenblätter sanken langsam entlang des Pfades zu Boden.  Der Wind war ein Segen in diesem ungewöhnlich warmen Frühling, obwohl er die Bögen des Tempels mit einer dicken Schicht aus Blütenpollen bedeckte.

Tadaka sprach beim Gehen flüsternd seine Gebete. Unablässig ließ er eine Jadekette durch seine großen Hände laufen, Jadekugel für Jadekugel. Er überragte die anderen um einen ganzen Kopf und sein sorgfältig in Falten gelegter Kimono ließ seinen breiten Rücken wie ein Banner der Isawa-Familie aussehen. Jedes Mal, wenn einer der anderen Prozessionsteilnehmer sich umdrehte und den Blick auf ihn richtete, sah Tsukune, wie dessen Augen vor Respekt leuchteten. Die Blicke, die man ihr dagegen zuwarf, konnte sie nicht deuten.

Am oberen Treppenabsatz mündete der Pfad schlussendlich in den steinernen Vorhof des Tempels. Eine Totentafel stand noch inmitten des Hofes, aber sonst deutete nichts mehr auf die Bestattung hin, die am Vortag hier stattgefunden hatte. Alles war schon längst weggeräumt worden. Die Prozession ergoss sich in den Hof und die Samurai der Shiba-Familie sammelten sich zu kleinen Grüppchen und warteten darauf, den ausladenden, zweistöckigen Honden betreten zu dürfen. Tsukune goss Wasser über ihre Hände und Unterarme und reichte das heilige Wasser dann an den Nächsten weiter. Sie entfernte sich von der eng aneinandergedrängt stehenden Menschenmenge, um zum nahegelegenen Spiegelteich hinüberzugehen, wo die Schreinjungfrauen gerade dabei waren, hineingefallene Pfirsichblüten aufzulesen und einen Blick hineinzuwerfen. Aus dem sich kräuselnden Spiegel zu ihren Füßen blickte sie ein siebzehn Sommer altes Mädchen an.

„Du machst dir wieder unnötige Sorgen“, bemerkte Tadaka, der plötzlich neben ihr am Teich aufgetaucht war.

„Ich darf solche Fehler einfach nicht machen“, flüsterte sie. „Nicht hier. Wenn mir bei der Zeremonie heute Abend ein Fehler unterläuft …“

„Niemand würde es bemerken“, beruhigte er sie. „Sie werden viel zu beschäftigt damit sein, auf sich selbst zu achten, als dass sie überhaupt die Zeit dazu finden würden, sich um dich zu kümmern.“ „Nun ja“, scherzte er, „von den Damen einmal abgesehen. Die werden nämlich nur Augen für mich haben.“

Ihre Mundwinkel zuckten. „Ich möchte wetten, du glaubst das am Ende noch selbst.“

Sie verharrten ein wenig in Stille und beobachteten die Miko bei ihrer Arbeit: Immer wieder warfen die Schreinjungfrauen das Netz in den funkelnden Teich und ließen es dann als Teil der Zeremonie beim Herausziehen langsam über den steinernen Rand des Beckens gleiten; im Hintergrund ertönte Nachtigallengesang.

„Weißt du“, sagte Tadaka, „wenn einer von uns sich im Hinblick auf heute Abend Sorgen machen sollte, dann ich.“

„Das wäre dann das erste Mal, dass du dich um etwas sorgst“, antwortete Tsukune.

„Richtig.“ Tadaka lächelte. Der Wind rüttelte an dem weiß-rosafarbenen Blüten-Baldachin. Eine Kaskade von Blüten ergoss sich auf sie herab und das Licht schien durch die herabhängenden Zweige. Er zwinkerte amüsiert mit den Augen, als er bemerkte, wie verzweifelt die Schreinjungfrauen angesichts der um ihn herum auf dem Boden verstreuten Blüten schauten. „Wenn ein Windstoß den Pfirsichbaum seiner Blüten beraubt, scheint das unverhofft zu geschehen. Aber in Wirklichkeit handelt es sich hierbei um ein wohl geplantes Ereignis. Dass der Windstoß kommen würde, dass der Baum hier stehen würde, dass die Blütenblätter wie von selbst herabfallen würden … all das ist schon von Anbeginn der Zeit an vorausbestimmt gewesen. Was macht es angesichts dessen für einen Sinn, sich Sorgen um etwas zu machen?“

„Diese Vorstellung ist mir etwas zu schicksalsgläubig“, sagte Tsukune.

„Der Gedanke gibt mir Mut.“ Er tritt näher an den Teich heran. Das Licht wird vom Wasser reflektiert und bildet Muster auf Tadakas Körper.

„Ich habe Zeichen gesehen, die mir Mut machen“, raunte er. „Die Elementarmeister sind mir wohlgesonnen … nun ja, die meisten von ihnen zumindest. Er lachte leise in sich hinein. „Die Zeremonie heute Abend wird mir den Einfluss verleihen, den ich benötige. Wenn sie erst sehen, wie wohl durchdacht meine Pläne sind, werde ich ins Gebiet des Krabben-Klans gehen und dort meine Forschungen fortsetzen. Und du wirst mit mir kommen. Dort werden wir dann den Samen für die Zukunft säen.“ Er machte eine kurze Pause und sprach dann mit sanfter Stimme weiter: „Für unsere Zukunft.“ Seine Fingerknöchel streiften die ihren. Die Wangen des Mädchens im Spiegelteich nahmen die Farbe der blühenden Kamelien an.

„Ich traue meinen Augen nicht! Ist Isawa Tadaka-sama tatsächlich von seinem Berg herabgestiegen?“

Tsukunes Körper versteifte sich, als Tadaka sich mit einem Grinsen dem Gesicht der neuen Stimme zuwandte. Ein lebhafter junger Mann näherte sich ihnen aus Richtung der Versammlung im Vorhof des Tempels. Oberhalb seines weißen Obis, genau in Brusthöhe, war sein kunstvoll verzierter Seidenkimono mit dem Mon der Bruderschaft des Himmelsflügels bestickt – einem feuerroten Flügel, der eine Naginata umhüllt.

Tadaka verschränkte die Arme. „Tetsu-san! Ich habe mich schon gefragt, wann du wohl den Mut haben würdest, dich mir zu nähern.“ Beide brachen in Lachen aus. Tsukune beobachtete sie mit dem Gesichtsausdruck eines Kindes, das heimlich Jugendliche belauscht.

„Gratuliere!“, sagte Tetsu. „Meister Rujo hat dir viel Ehre zuteilwerden lassen.“

„Ich werde mir Mühe geben, dieser Gunst würdig zu sein“, antwortete Tadaka. „Wie ich höre, wirst du auch an der Zeremonie teilnehmen?“

Tetsu nickte. „Hai. Heute Abend werde ich die Veränderungen vorführen, die mein Sensei an der Kata der Bruderschaft des Himmelsflügels vorgenommen hat. Auch wenn ich die Kata nicht so anmutig und gekonnt beherrsche, wie er es tat, werde ich alles geben, um sein Andenken zu ehren.“

Tsukune sah weg, als die beiden sich unterhielten. Ihre Stimmen gingen im Stimmengewirr des Tempel-Vorhofs völlig unter. Dort herrschte ein ohrenbetäubender Lärm: Samurai begrüßten einander, riefen ihren Freunden und Bekannten aus der Ferne zu und verbeugten sich tief vor ihrem Gegenüber. Alte, Junge, Jugendliche, die gerade erst das Gempuku-Ritual hinter sich gebracht hatten, –  im Vorhof des Tempels waren mehr Angehörige der Shiba-Familie zusammengekommen, als sie je zuvor an einem einzigen Ort versammelt gesehen hatte. Über ihnen bewegte der Wind die Gobelins, die von den Schrägdächern der Bühnen herabhingen, auf denen der heilige Tanz aufgeführt werden sollte. Es handelte sich bei diesen Wandteppichen um die Geschenke von anderen Tempeln und aus anderen Provinzen und sie glichen den Shiba, die sich unter ihnen versammelt hatten. Sie waren bunte Farbkleckse inmitten des grauen Steins und des polierten Holzes des Schreins. Nur auf einen Gobelin traf diese Beschreibung nicht zu. Auf die schlichte und bereits verblasste Darstellung eines Wasserfalls, der ganz oben über einem Baldachin aus Pinienholz hing. In einer Ecke des Wandteppichs war seine Entstehungsgeschichte eingewebt, die in der Provinz des Löwen-Klans begann und in den Phönix-Landen endete. Im Vergleich zu den anderen Gobelins wirkte seine Farbgebung verblasst, unbeholfen und unausgewogen.

Tsukune stellte fest, dass sie diesen Gobelin mochte. Sie fühlte sich ähnlich deplatziert.

„Nun muss ich mich aber bei Tsukune-kun entschuldigen“, scherzte Tadaka. Die Nennung ihres Namens riss Tsukune aus ihren Gedanken. Tadaka war vermutlich der einzige Mensch, der sie ungestraft mit kun anreden durfte. „Wegen meiner Anwesenheit kann sie sich keine Pause von ihren yōjimbō-Pflichten gönnen, auch wenn alle anderen das tun.“

Tsukune funkelte ihn wütend an. Er lächelte schelmisch zurück.

„Tsukune-san ist nun mal ziemlich fleißig“, schmeichelte Tetsu ihr. Sanftmütig lächelte er sie an.  „Schön, dich wiederzusehen. Du wurdest bei den Kanto-Festspielen vermisst. Einige Leute haben Mutmaßungen über den Grund deiner Abwesenheit angestellt, aber ich habe ihnen versichert, dass du bestimmt gekommen wärst, wenn deine vielen Verpflichtungen es zugelassen hätten.“

Tsukune nickte und erwiderte: „Wenn du das sagst …“, so wie sie es immer tat, wenn ihr ohnehin keine andere Wahl blieb.

Endlich alleine im inneren Tempelbereich, platzierte Tsukune ihr Weihrauchgefäß andächtig auf den heißen Kohlen. Innerhalb von wenigen Augenblicken stiegen über dem Räucherwerk aus Adlerholz zwei Rauchsäulen auf, die die lackierte Urne umhüllten, an der ein Zettel mit dem Namen des kürzlich Verstorbenen angebracht war. Im warmen Kerzenlicht entzifferte Tsukune die Worte: Shiba Ujimitsu, Streiter des Phönix-Klans.

Tsukune hielt die Jadekette genauso, wie die Miko es ihr gezeigt hatte. Sie versuchte, nicht daran zu denken, was sie im Gespräch mit ihr aufgeschnappt hatte, dass der Streiter des Phönix-Klans vor ihrer Zeit gestorben sei, dass der Bruder des Streiters zutiefst über dessen Tod betrübt sei. Stattdessen schloss sie die Augen und senkte den Kopf, um flüsternd ein Gebet für den Geist des Verstorbenen zu sprechen.

Er hatte bei der Gempuku-Zeremonie, bei der man sie für mündig erklärt hatte, im Bankettsaal am Kopf der Tafel gesessen. Sie erinnerte sich daran, wie er damals ausgesehen hatte. Die untersetzten und unscheinbaren Züge, die überhaupt nicht zu seiner prächtigen Kataginu-Weste passen wollten. Die Weste mit ihren breiten, flügelartigen Ärmeln hatte den Eindruck erweckt, er könne jeden Augenblick mit ihr vom Erdboden abheben. Rechts von ihm, ebenfalls auf einem Ehrenplatz, hatte sein vielversprechendster Schüler gesessen. An jenem Tage saß Shiba Tetsu auf diesem Platz –  einem Platz, der wohl ihrem Bruder gebührt hätte, wenn er damals noch am Leben gewesen wäre.

Lärm schallte von draußen herein. Die Erinnerung verblasste. Tsukune blickte hinauf zur steinernen Statue von Shiba, dem Ahnherren ihrer Familie. Er war kniend dargestellt. Seine Statue erschien ihr nun größer als jemals zuvor. Draußen hörte sie die Schelte einer Priesterin, die die Schreinjungfrauen bei den Vorbereitungen für die Zeremonie anleitete.

Nur noch eine Nacht. Dann würde sie mit Tadaka zu dem einfachen Leben, das die beiden führten, zurückkehren. Zu ihrer gemeinsamen Zukunft.

Geräuschlos griff sie in ihren weißen Obi und zog ein dünnes Stoffband hervor. Auf dem einfachen Baumwollstoff – an den Enden ganz ausgefranst, nicht länger als ihr Unterarm – war immer noch das von Rissen durchzogene Mon des Dojo ihres Bruders abgebildet. Ihre Finger umklammerten den Stoff, sein Tenugui. Sie atmete leise aus. Und für einen Augenblick schien es, als ob er hier wäre. Vor ihrem inneren Auge sah sie, wie er das Stoffband von der Stirn nahm, es um die winzige Schramme auf ihrem Knie wickelte und sie dabei anlächelte.

„Ich werde mein Bestes geben“, versprach sie mit leiser Stimme. Von oben sah der steinerne Shiba auf sie herab.

Auf dem mondhellen Hof vor dem Tempel zeichnete Tetsu mit der Klinge seiner schmalen Naginata die Sternbilder nach. Er wirbelte sie in silbrigem Bogen um sich herum, ohne eine Pause zwischen den einzelnen Kampfpositionen zu machen. Tsukune schienen Tetsu und seine Klinge nicht zwei separate Geschöpfe zu sein – Mann und Klinge – sondern ein einziger Körper inmitten eines Tanzes aus Licht, Stahl und Leere. Jede seiner anmutigen Bewegungen führte unweigerlich zum Tode eines unsichtbaren Gegners, jede vom Rascheln seines Seidenkimonos untermalte Drehung hatte einen letzten Atemzug zur Folge. Tetsu verharrte in seiner Position, den einen Fuß in die andere Kniebeuge geklemmt, balancierte er auf einem Bein, den Speer zum Wurf erhoben. In diesem Augenblick glich er einem Bambusrohr, das auf einem Fluss trieb, in dem sich der Sternenhimmel spiegelte.

Tetsu legte seine Waffe zurück in den Speerständer und presste die Stirn auf den Boden. Als er sich erhob, erstrahlte der Vorhof des Tempels immer noch vom Glanze seiner Darbietung. Die umherfliegenden Motten wurden wie magisch von den glutroten Kohlebecken angezogen, die sie sodann verschlangen. Er kehrte zurück zu seinem Sitzplatz, wie eine einsame sakura inmitten von Ahornbäumen.

Kein anderer hätte die Kata der Bruderschaft des Himmelsflügels auf so vollkommene Art und Weise vorführen können, auch Ujimitsu selbst nicht, wenn er denn noch gelebt hätte. In den außergewöhnlichen Kampfkünsten seines talentiertesten Schülers lebte der Geist des verstorbenen Streiters fort.

Ein dumpfer Glockenschlag zerriss die Nacht, die Stunde der Ratte ankündigend. Die im Vorhof versammelten Zeugen wandten sich geschlossen dem Tempeleingang zu. Die bemalten Tore des Tempels öffneten sich und die Shiba verbeugten sich wie ein Mann. Inmitten der Prozession von Schreinjungfrauen, Priestern und Shugenja, die nun geräuschlos den Hof betrat, erhaschte Tsukune einen Blick auf eine lackierte Sänfte, deren Kanten im Mondlicht zu funkeln schienen.

Auf einem Ständer aus Zypressenholz lag ein Krummschwert. Die mit viel Liebe zum Detail in seine Scheide eingravierten, eng miteinander verflochtenen Federn, waren im Lichtschein der Kohlebecken gut zu erkennen. Das polierte Gold der Schwertscheide erstrahlte karmesinrot. Sogar von ihrem Sitzplatz aus konnte Tsukune alles genau erkennen. Jede einzelne in den mit Teufelsrochenhaut überzogenen Schwertgriff eingesetzte Perle, die um den Knauf geschlungenen, noch unberührten, makellosen seidenen Griffbänder und das aus gekrümmten Bronze-Flügeln geformte Tsuba-Stichblatt.

Ofushikai. Das altehrwürdige Schwert des Phönix-Klans, geführt von jedem Streiter des Klans seit der Geburtsstunde des Kaiserreiches.

Fünf Gestalten in kunstvoll gearbeiteten Seidengewändern verließen als letzte den Schrein. Eine jede ihrer flügelartigen Kataginu-Westen war mit einem anderen Mon bestickt, das ein von einem vollendet gekrümmten Ring umschlossenes Element zeigte. Als die Gestalten in die Nacht heraustraten, rief Tsukune sich die fünf Elemente ins Gedächtnis, so wie Tadaka sie es vor langer Zeit gelehrt hatte: Feuer, Wasser, Luft, Erde und Leere. Das waren die fünf Grundelemente der Natur und ein jedes wurde von einem Elementarmeister beherrscht.

Endlich entdeckte sie Isawa Tadaka, der gerade seinen Platz neben dem Meister der Erde einnahm. Tadaka sah nun sogar noch prächtiger aus als zuvor in seinem Zeremoniengewand. Der leere Platz in seinem Schatten übte eine starke Anziehungskraft auf sie aus, doch sie gab dem instinktiven Bedürfnis, sich zu ihm zu gesellen, nicht nach, sondern blieb, wo sie war. Nur den Auserwählten der Kami war es gestattet, diesen Teil der Zeremonie zu leiten. Falls er sich dort vorne ohne Tsukune unwohl fühlte, so ließ er sich nichts anmerken. Wie eine in die Höhe geschossene Pinie neben einer verdorrten Eiche überragte der halb so alte Tadaka seinen Sensei um Längen. Es waren auch weitere Shugenja-Aspiranten anwesend, jeder Elementarmeister wurde von einem Aspiranten begleitet. Als wären sie eins, senkten sie die Köpfe und bewegten die Lippen im Gleichklang. Ihre Worte drangen nicht bis an die Ohren der Menge, vielmehr stiegen sie sofort in den Himmel empor.

Tsukune spürte instinktiv, dass jemandes Blick auf ihr lag. Von seinem Hochsitz im Hof des Tempels aus, sah der einstweilige Herr der Shiba-Festung sie an: Shiba Sukazu, der ehemalige Hatamoto des Streiters des Phönix-Klans und zugleich dessen Bruder. Im Licht der Kohlebecken waren die Falten in seinem Gesicht  und die silbergrauen Haarsträhnen an seinen Schläfen deutlich zu erkennen. Er trug einen blendend weißen Obi, von der gleichen Farbe wie die Schriftrolle, die er mit seiner Hand fest umklammerte. Diese Rolle enthielt die letzten Worte von Shiba Ujimitsu, sein Todesgedicht.

Sein ausdrucksloser Blick ließ sie erstarren. Peinlich davon berührt, dass ihr Blick den seinen getroffen hatte, stieg Tsukune die Schamesröte ins Gesicht. Sie dachte angestrengt darüber nach, durch welchen Fehler sie wohl seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Aber im Blick des Herrn über die Festung lag keine Missbilligung. Er nickte ihr nur zu und konzentrierte sich dann wieder auf die Zeremonie. Schwindelig vor Erleichterung folgte Tsukune seinem Beispiel.

Als erstes trat die Shugenja-Aspirantin vor, die den Meister der Luft begleitete. Sie war von fünf Schreinjungfrauen umgeben. Das rhythmische Schlagen von Taiko-Trommeln erfüllte die Lichtung. Das dröhnende Donnern der Trommelschläge traf Tsukune unmittelbar ins Herz. Während die Jungfrauen sich in einem kompliziert aussehenden Tanz hin- und herwiegten, zog die Shugenja eine kleine Muschelschale hervor und setzte sie an die Lippen. Der Ton, den sie hervorstieß, hallte in der Menschenmenge nach, ein Windstoß erfasste den Blüten-Baldachin und ließ eine ganze Kaskade von weißen Pfirsichblüten herabregnen. Die Kami hatten die Opfergabe angenommen.

Nun war Tadaka an der Reihe. Ohnehin von imposantem Körperbau und zudem noch in ein weites Zeremoniengewand gekleidet, nahm er die gesamte Lichtung für sich ein. Die Schreinjungfrauen fielen in einen anderen Tanzrhythmus. Sie bewegten sich nun weniger leichtfüßig und umkreisten eine klar definierte Mitte. Tadaka streckte eine Keramikschale von sich weg, in der sich ein unreifer Sprössling befand. Lautlose Beschwörungsformeln murmelnd, ließ er seine Gebetskette durch die Finger seiner anderen Hand laufen. Zunächst ganz langsam, dann jedoch mit einem Male sehr schnell, trieb der Sprössling Knospen und erblühte mit weißen Blütenblättern.

Von den Oh- und Ah-Rufen der Umstehenden aufgeschreckt, zuckte Tsukune zusammen. Sie verstummten zwar sehr schnell wieder, jedoch konnte sie sich sehr gut vorstellen, was die älteren Samurai wohl über diese jüngere, ungestüme Generation von Samurai dachten.

Nun folgte die Darbietung des Aspiranten des Feuers. Der Rhythmus des heiligen Tanzes veränderte sich erneut, die Schritte wurden federnder und die Drehungen energischer. Der junge Mann zog eine Kerze hervor und bot sie den Kami mit ausgestrecktem Arm dar. Er schloss die Augen und murmelte etwas vor sich hin. Die Lichter im Vorhof des Tempels begannen zu flackern und ihr Schein nahm mit jedem stummen Gebet an Helligkeit zu. Die Menge reckte die Hälse, alle Augen lagen auf dem Kerzendocht.

Der Aspirant hielt inne. Er öffnete die Augen. Keine Veränderung. Er blickte verständnislos drein. Als einer der Gobelins im Vorhof des Tempels in Flammen aufging, ertönte ein lauter Schrei.

Die Menge drehte sich ruckartig in Richtung des plötzlichen Lichtblitzes um. Feuer verzehrte den in die Jahre gekommenen Stoff. Ein Windstoß erfasste die Flammen und setzte das Reetdach des Tempels in Brand.

Tsukune spürte, wie die Körper der anderen gegen den ihren gepresst wurden. Schreie durchdrangen die Nacht, als die Tempeldiener von ihren Posten aufsprangen und davon liefen. Shiba Sukazu erhob sich, aber sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Sein Mund bewegte sich, er gab Anweisungen. Unter den versammelten Samurai herrschte nun ein geschäftiges Treiben: Während die einen den Vorhof des Tempels evakuierten, holten die anderen Wasser. Einige rannten auf den Schrein zu. Tsukune war eine von ihnen.

Das Feuer schälte gierig die robusten Lackschichten vom Holz und brachte sie zum Abplatzen, um sich sodann in das darunterliegende antike Holz hineinzufressen. In Windeseile hatte sich das Feuer bereits bis zum Boden ausgebreitet.

Die Elementarmeister standen reglos in der Nähe des brennenden Schreins. Ihre vom Feuerschein angestrahlten Gesichter wirkten ruhig, als sie interessiert betrachteten, wie die Flammen sich zunehmend ausbreiteten, ganz so, als ob sie gerade in einer Schriftrolle lesen oder ein Gemälde studieren würden. Zwei von ihnen schienen ein paar Worte miteinander zu wechseln, aber Tsukune konnte nicht verstehen, was sie sagten. Ein abgebrochenes Stück eines schwelenden Dachziegels stürzte neben der Meisterin des Wassers zu Boden. Sie verzog keine Miene. Auch Tadaka befand sich unter ihnen, der einzige Aspirant, der im Vorhof geblieben war, wegen seiner massigen Silhouette unverkennbar.

Tsukune rannte zu ihm und rang nach Atem. Sie ergriff seinen Arm. „Tadaka-sama! Es ist viel zu gefährlich hier! Komm mit mir!“

„Nein!“, bellte Tadaka zurück, was völlig untypisch für ihn war. Tsukune gefror das Blut in den Adern. Ruckartig drehte er sich um, mit glühenden Augen, die Umrisse seines Körpers in orangefarbenes Licht getaucht. „Vergiss mich! Der innere Schrein! Die Bibliothek!“ Ahnenkunde-Bücher, Gebetssammlungen, Sternkarten, Beschwörungsformeln. Unbezahlbares, nicht zu ersetzendes Wissen.

Jemand lief an ihr vorbei. Als sie sich zum Schrein umdrehte, erhaschte sie einen flüchtigen Blick auf den vorbeistürzenden Shiba Tetsu, dessen prachtvolles Seidengewand im Wind flatterte. Er hatte den Gesichtsausdruck eines Mannes, der mit sich selbst im Reinen war, als er mit einem großen Satz in den brennenden Schrein sprang. Und dann war er fort, verschlungen vom Licht.

Sie folgte ihm. Die Hitze war einfach unerträglich und trieb ihr die Tränen in die brennenden Augen, aber sie bewegte sich weiter auf den inneren Tempelbereich zu, wo sie Tetsu vermutete. Um sie herum waren nur noch hell glühende gelbe Flammen und kohlrabenschwarzer Rauch. Sie konnte nicht mehr weiter gehen. Geschwind drehte sie sich um, konnte aber keinen Ausgang erkennen. Nur ein paar Schritte von ihr entfernt versperrten die Flammen ihr den Weg. Wie konnten sie sich so schnell ausgebreitet haben? Das Tenugui ihres Bruders fiel ihr ein und sie riss es aus ihrem Obi hervor. Sie presste das Tuch vors Gesicht, atmete durch den Stoff, kauerte sich unter dem Rauch auf den Boden und suchte fieberhaft nach einem Ausweg.

Jenseits des prasselnden Feuers vernahm sie eine verzweifelte Stimme: „Bitte hilf uns!“ Sie kam aus dem Seitenraum, der einmal das Verwaltungsbüro gewesen war. Dort entdeckte sie zwei Tempeldiener und eine Schreinjungfrau. Einer der Diener war unter einem brennenden Möbelstück eingeklemmt, der andere schrie um Hilfe. Die Miko starrte nur wie gelähmt auf die Flammen, die sich kaskadenartig die Wände hinabfraßen.

Tsukune stemmte sich mit der Schulter gegen das Bücherregal. Es geriet zwar ins Wanken, bewegte sich aber nicht vom Fleck. Das Stück Stoff fiel aus ihren Händen, als sie dagegen drückte. Die Schreinjungfrau riss sich aus ihrer Trance, trat zu ihr hinüber und drückte mit. Gemeinsam schafften sie es, das Regal zur Seite zu schieben. Tsukune brauchte sich das Bein des Mannes nicht anzusehen, um zu wissen, dass es nicht mehr zu gebrauchen sein würde.

Ein Rauchteppich lag über ihnen. Tsukune suchte nach einem Ausgang, fand aber keinen – abgesehen von der Wand genau vor ihr, an der die Flammen emporzüngelten: Ein hölzerner Rahmen, dickes Papier und eine dünne Gipsschicht.

„Hier entlang!“, rief sie und warf sich mit all ihrer Kraft gegen die Wand.

Die Hitze versengte ihr die Wange und Flammen loderten um sie herum. Aber die Papierwand zerbrach und riss ein ungleichmäßiges Loch in den Garten des Schreins. Tsukune fiel in einen Busch und rollte genau in einen umgestürzten Holzstoß hinein. Hinter ihr führte die Miko die humpelnden Diener aus der brennenden Pforte hinaus in die Nacht.

Tsukune wollte sich gerade aufsetzen, als sie vor Schreck erstarrte. Sie lag zu den Füßen eines Mannes in einem imposanten Zeremoniengewand, dessen Schatten wie ausgespreizte Flügel aussah. Das Mon des Meisters des Feuers prangte stolz auf seiner Brust. Er starrte in die Flammen und umklammerte eine lange Gebetsschnur aus Bernsteinperlen fest mit beiden Händen. Sein Gesichtsausdruck war todernst, aber der Tonfall, in dem er mit immer lauter werdender Stimme seine Gebete sprach, war nahezu flehentlich. Er riss die Hände auseinander und mit einem lauten Knall zerriss die Schnur, die Gebetsperlen verteilten sich auf dem Boden.

Als die letzte Perle zu Boden fiel, waren alle Flammen im Schrein erloschen. Der Meister schloss die Augen und raunte: „Danke, Kami der Flamme, dass du dieses Geschenk angenommen hast.“

Tsukune beobachtete, wie gekräuselte Rauchfahnen über einer Gebetsperle, die nur wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht lag, in die Luft stiegen. Die nächsten Augenblicke vergingen wie im Flug. Die Samurai des Phönix-Klans begutachteten zunächst den entstandenen Schaden. Der Honden befand sich in besserem Zustand als gedacht. Dank Shiba Sukazus gut durchdachter Befehle und den Shugenja-Künsten des Meisters des Feuers waren die Flammen zu keinem Zeitpunkt in den inneren Tempelbereich, geschweige denn in das Allerheiligste des Schreins eingedrungen. Ein Drittel der Außenmauern des Tempels war zerstört, aber die verbliebenen Mauern waren nicht zusammengebrochen. Abgesehen von einem zerrissenen Shimenawa-Tau, das nun des Geistes, dessen Wohnstatt es einst abgegrenzt hatte, beraubt war, waren verhältnismäßig wenige Gegenstände von Bedeutung verloren gegangen. Die Schreinjungfrauen begannen damit, Laternen den plätschernden Strom hinabtreiben zu lassen, um den verlorengegangenen Geist wieder zurück zum Schrein zu geleiten, während zugleich ein neues Tau angefertigt wurde. Die Priester boten den verbliebenen Geistern Opfergaben dar, in der Hoffnung, der Zustand des Schreins möge sie nicht kränken. Mit der Zeit würden diese Wunden heilen.

Einige Shiba traten aus dem Schrein. Sie trugen Artefakte, Dokumente und ungefähr eine Kaminfüllung Asche und verbrannte Schriften bei sich. Tsukune betrachtete sich selbst im Spiegelteich und bemerkte, dass es ihr auch nicht besser ergangen war. Auf Wangen und Stirn hatte sie schwarze Schmutzflecken und ihr dunkelbraunes Haar war nun schwarz und starrte vor Schmutz. Ihr guter Kimono hatte Brandlöcher und war fleckig und verrußt. Sie runzelte missbilligend die Stirn und schüttelte die Asche aus den Ärmeln.

Dann sah sie zurück durch das Loch, das sie in die Wand des Schreins gerissen hatte. Jenseits der gähnenden Öffnung erstreckte sich eine schwarze Schicht aus verkohltem Holz und aufsteigenden Rauchfahnen. Sie starrte zu der Stelle, an der sie meinte, das Stirnband ihres Bruders fallengelassen zu haben. Jetzt war es genau wie er nur noch zerstreute Asche. In dieser Welt war nun nichts mehr von ihm übrig.

„Tsukune!“

Das war Tetsus Stimme. Er kam in Begleitung der Elementarmeister und brachte das Pinienholz-Kästchen mit Ujimitsus Asche zurück, das er vor den Flammen gerettet hatte. Eine Hülle mit alten Schriftrollen schaute aus einem Beutel hervor, den er um seinen makellosen Kimono geschlungen hatte. Er näherte sich Tsukune, die Augen vor Sorge geweitet. Obwohl er nach Rauch roch, hatte er keine Asche auf seiner Kleidung und sein Kimono war frei von Brandlöchern.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er. „Du solltest dich nicht einfach so in ein brennendes Gebäude hineinstürzen, Tsukune-san!“

Sie starrte ihn nur stumm an, kohlrabenschwarz und voller Ruß, wie ein Vogel mit versengten Schwingen.

„Komm mit uns“, raunte der Meister des Feuers, als er neben Tadaka trat. „Das musst du dir anhören.“

Tadaka nickte mit dem Kopf und folgte dem Meister des Feuers in den Zirkel der Elementarmeister, um sicherzugehen, dass ihr Gespräch nicht mitgehört werden konnte. Er stand neben seinem Sensei, Isawa Rujo, dem Meister der Erde, und ignorierte den missbilligenden Blick des älteren Mannes.

„Dein Schüler hat die volle Verantwortung für das Geschehen übernommen, Tsuke-sama“, sagte Rujo.

Der Meister des Feuers legte die Stirn in tiefe Falten. „Es ist eine Schande, dass ich nun auf ihn verzichten muss. Er war ein so vielversprechender Schüler.“

„Das lässt sich nun nicht mehr ändern“, antwortete Rujo. „Wir müssen unser Gesicht wahren und verhindern, dass Panik aufkommt. Dass er getan hat, was getan werden musste, ist sehr edel von ihm.“

„Trotzdem“, murmelte der Meister des Feuers.

„Es ist … schlimmer geworden“, stieß der altersschwache Meister der Luft hervor. Er stützte sich auf einen mit Jadenägeln beschlagenen Stock und rang um Atem, während die anderen geduldig auf ihn warteten. „Wir können … nicht noch länger darauf warten, dass das Ungleichgewicht … sich von selbst ausgleicht. Wir müssen … eingreifen.“

Die Meisterin des Wassers nickte. Ihr Gesicht war hinter Zwillings-Wasserfällen aus schwarzem Haar verborgen, das in Kaskaden von ihrem kegelförmigen Hut hinabhing. „Wasser kräuselt sich, auch wenn man nur einen Kieselstein hineinwirft. Schon bald werden die anderen Klans Fragen stellen, auf die wir besser die rechte Antwort zur Hand haben.“

„Vielleicht wäre es geschickter, die Zeremonie zu verschieben“, schlug Rujo vor. „Die Zerstörung des Schreins ist ein schlechtes Omen.“

Einer nach dem anderen drehten sie sich zum Meister der Leere um. Isawa Ujina hatte bereits einen Kreis auf den Bogen gezeichnet. Er erhob sich und griff in eine seiner vielen Taschen, um eine Handvoll geschliffener Steine daraus hervorzuholen. Unter dem wachsamen Blick der anderen warf er sie in den Kreis. Dann ging er daneben in die Hocke und musterte die Steine mit fest zusammengekniffenen Brauen.

Tadaka trat vor: „Vater?“

„Die Zeremonie muss weitergeführt werden.“ Ujina erwiderte seinen Blick. „Der Phönix-Klan braucht einen Streiter.“

Tsukune nahm ihren Platz im Kreise der Shiba ein. Zu ihrer Rechten stand Tetsu mit andächtig gesenktem Blick. Auch Shiba Sukazu trat in den Kreis ein. Sie standen alle eng beieinander, Schulter an Schulter, mit dem Meister der Leere in der Mitte. Der Meister hielt das Schwert ihrer Klanvorfahren in den Händen.

„Ofushikai“, sprach Ujina, „wir bitten dich demütig, enthülle uns, wen du auserwählt hast.“ Dann wandte er sich dem Mann zu, der unmittelbar vor ihm stand, verneigte sich und streckte die Arme aus, um ihm das Schwert darzubieten. Shiba Sukazu nahm es mit gesenktem Kopf entgegen. Er hielt es für einige Minuten in den Händen. Die anderen beobachteten ihn. Ujina erhob sich. Tsukune konnte von dort, wo sie im Kreis stand, die Erleichterung sehen, die Sukazu auf das lächelnde Gesicht geschrieben stand.

Sukazu wandte sich dem Shiba zu seiner Rechten zu und überreichte ihm die Klinge. Dieser nahm sie an. Der Samurai hielt die Klinge in den Händen, aber als sich nichts tat, neigte er den Kopf und reichte sie weiter. Die Klinge wanderte von einem Shiba zum nächsten, langsam und andächtig, unter dem wachsamen Auge des Meisters der Leere.

Tsukune warf einen schnellen Blick auf Tetsu und fing seinen besorgten Blick auf. Er lächelte sie beruhigend an. Sie setzte den gleichen Gesichtsausdruck auf. Das Mon der Bruderschaft des Himmelsflügels und der persönliche Namensstempel von Shiba Ujimitsu auf seinen Schultern leuchteten beide im Mondlicht, das seinen makellosen Kimono umspielte.

„Du wirst der Auserwählte sein, Tetsu-sama“, dachte sie. Ihr Lächeln wurde breiter. So, wie es sein sollte.

Sie verneigte sich, als sie das Schwert erhielt. Es war leichter als das Schwert ihrer Mutter, es fühlte sich an, als ob die Scheide leer sei. Einen flüchtigen Moment lang beobachtete sie, wie das Mondlicht die Kanten des bronzenen Handschutzes entlang und über die erlesenen Perlen, die in das Heft des Schwertes eingearbeitet waren, tanzte. Die Scheide war im Ganzen aus einem ausgesuchten Holzstück geschnitzt worden, so, als ob echte Federn um die Klinge herum zu Holz erstarrt wären. Sie konnte nicht einen einzigen Makel entdecken. Die Klinge des altehrwürdigen Schwertes war nicht so stark gekrümmt wie die Klinge eines richtigen Katana und bei ihrer Herstellung hatte man die Annehmlichkeiten der modernen Schmiedekunst nicht nutzen können. Dennoch sah sie aus, als ob sie gerade erst geschmiedet worden wäre und fühlte sich auch so an. Dieses Schwert lag zum ersten und letzten Mal in ihren Händen. Sie hielt den Atem an, um den Moment noch ein wenig länger genießen zu können.

Sie wandte sich Tetsu zu. „Es ist mir eine große Ehre, dir Ofushikai zu überreichen, Tetsu-sama.“

Das Schwert sprang aus der Scheide und legte einen Zentimeter seiner makellosen Klinge frei.

Isawa Ujina stockte der Atem. Tsukune erstarrte. Aus dem Kreis der Samurai war ein Raunen zu vernehmen. Blicke wurden ausgetauscht. Sukazu lächelte ihr von der anderen Seite des Kreises zu. Tsukune sah Tetsu an. Seine Augen waren weit aufgerissen. Genau wie die ihren. „Das Schwert hat gewählt“, gab Ujina bekannt. Ihr Mund öffnete sich, aber sie brachte keinen Ton hervor. Er fing ihren starren Blick ein, lächelte, klopfte ihr auf die Schulter. „Du bist die Auserwählte, Shiba Tsukune, die neue Streiterin der Phönix!“

Nicht einmal das Quaken der Nachtfrösche durchbrach die Stille, die sich über den Hof gelegt hatte. Tsukune wollte aufschreien, ihnen allen sagen, dass es sich hier um ein Missverständnis handeln musste. Sie konnte nicht die Auserwählte sein. Das war einfach nicht möglich.

Aber dem Meister der Leere zu widersprechen, war undenkbar. Also neigte sie stattdessen den Kopf und erwiderte schließlich: „Wenn Ihr das sagt …“ Sie kniete vor dem Isawa nieder und gelobte, dem Klan zu dienen.

Tsukune war allein im inneren Tempelbereich. Das Mondlicht fiel in dicken Strahlen durch die Löcher, die das Feuer in die Decke gebrannt hatte. Ihre neue flügelartige Kataginu wurde gerade mit einem silbernen Fleckenmuster bemalt. In ihrem Obi steckte die Karte der Shiba-Festung und der Provinz, die sie umgab, ihre neue Heimat. Sie zog es in Erwägung, Weihrauch vor der Statue von Shiba und dem Schrein von Ujimitsu zu verbrennen, aber die Vorstellung drehte ihr den Magen um. Dieser Ort roch bereits nach verbranntem Zypressenholz und Asche. Wenn Tadaka jetzt hier wäre, würde sie ihn bitten, den Weihrauch zu verbrennen, um die anwesenden Geister nicht zu kränken. Aber Tadaka war nicht hier. Und übermorgen, wenn er zu seinen Pflichten zurückkehren müsste, würde sie hier zurückbleiben.

Ihr Blick wanderte zu Ofushikai, das sie in den Händen hielt. Sie wog sein Gewicht und ertastete die Rillen, die über seine geschnitzte Scheide verliefen. Ihre plumpen Hände, in denen sie das makellose Schwert hielt, waren schwielig, rau und dreckig. Nicht wie die anmutigen Hände von Shiba Tetsu –  Hände denen es noch nicht einmal vergönnt gewesen war, das Schwert zu berühren und die es nun auch niemals berühren würden.

Unmittelbar nachdem sie auserwählt worden war, hatte er finster dreingeschaut und den missbilligenden Ausdruck auf seinem Gesicht kaum verbergen können. Als das Schwert aus der Klinge sprang, hatte es sich da vielleicht zu ihm hingeneigt?

Sie tat einen schnellen Atemzug. Dann noch einen. Dann ganz viele. Ihre Brust wurde eng, als kalte Hände nach ihrem Herz griffen. Sie ertrank. Sie verbrannte. Sie wurde nach oben durch das gähnende Loch in der Decke gesaugt. Wolken bedeckten den Mond. Gedanken sprudelten aus ihrem Geist wie aus einer übervollen Tasse. Es ist ein Fehler gewesen. Du solltest nicht hier sein. Es ist falsch. Es ist schlicht und einfach falsch.

Eine sanfte Berührung an der Schulter. Sie öffnete die Augen. Der Schrein war immer noch da. Sie selbst war immer noch da.  Sie spürte den Boden unter ihren Füßen und sah das Mondlicht durch die Decke hindurchscheinen. Im Schrein waren nun Glühwürmchen zu sehen. Sie glühten auf, schwebten in der Luft, flimmerten und erloschen wieder. Draußen bewegten sich die Bäume im Wind. Drinnen herrschte absolute Stille.

Tsukune spürte immer noch etwas auf ihrer Schulter, eine beruhigende leichte Berührung, aber da war nichts. Sie griff nach Ofushikai und hielt einen Moment inne, dann zog sie das Schwert halb aus der Scheide. Die spiegelnde Klinge warf das Gesicht eines siebzehn Sommer alten Mädchens zurück.

Und dahinter war das Gesicht von Ujimitsu zu erkennen. Die Falten, die es gealtert aussehen ließen, waren verschwunden und mit ihnen seine prachtvolle Kataginu mit den Flügelarmen. Er trug ein einfaches, schlichtes Gewand und sein Mund deutete ein Lächeln an. Seine Hand lag auf ihrer Schulter. Hinter ihm standen Dutzende Phönix-Krieger. Alte, Junge, Frauen und Männer, ihre Kleidung schien teils modern, teils altertümlich. Die Kammer war voll von ihnen, das Mondlicht strahlte durch ihre leuchtenden Körper hindurch und sie warfen keine Schatten. Generationen von Streitern des Phönix-Klans, alle standen sie hier versammelt und alle lächelte sie Tsukune auf die gleiche, hintergründige Art und Weise an.

Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf, mit einer fremden Stimme, die ihr dennoch sehr vertraut erschien. „Du wirst niemals alleine sein, Tsukune.“

Sie ließ die Klinge zurück in die Scheide gleiten und atmete geräuschlos aus.

„Ich werde mein Bestes geben“, flüsterte sie. Von oben lächelte Shibas steinernes Gesicht auf sie herab.

Shiba Tsukune – Entschlossene Streiterin des Phönix-Klans