Die Welt als Bühne

Von D.G. Laderoute

Unterdessen in der Kaiserlichen Hauptstadt …

Bayushi Shoju, Streiter des Skorpion-Klans, wich dem Schlag seines Gegners mit einem Sprung aus, er bewegte sich blitzschnell nach rechts und hieb im selben Augenblick mit seiner Waffe nach links. Er war wie Wasser, seine Bewegungen waren stets im Fluss, es gelang ihm, allen Hieben seines Gegners auszuweichen. Sein Gegner war wie Feuer, seine Bewegungen schnell und aggressiv, er schlug wie wild um sich, seine Hiebe prasselten ohne Unterlass auf Shoju ein, so dass ein weniger versierter Schwertkämpfer ihm schnell unterlegen wäre.

Ein weiterer Hieb; erneut wich Shoju geschickt aus. Dieses Mal versetzte er seinem Gegner einen Tritt und traf ihn mit aller Wucht an der Schulter. Die Frau erholte sich schnell, jedoch nicht schnell genug. Shoju nutzte die winzige Unterbrechung in der pausenlosen Abfolge von Hieben, die seine Gegnerin auf ihn niederprasseln ließ, versetzte der Frau mit seiner Waffe einen Schlag in die Magengrube und trieb sie ächzend zurück. Sofort kniete sie vor ihm nieder und ließ ihre Waffe fallen.

Shoju hatte härter als beabsichtigt zugeschlagen und brauchte einen Augenblick, um seine Fassung wiederzufinden. Missbilligend runzelte er hinter seiner Maske die Stirn und wandte sich dann der Bushi zu, die er besiegt hatte.

„Gut gekämpft, Yunako-san.  Wenn du beim vorletzten Schlag nicht so weit ausgeholt hättest, würdest nicht du, sondern ich nun auf dem Boden des Dōjō knien.“

Bayushi Yunako verbeugte sich. „Ihr ehrt mich, Bayushi-ue.“

Shoju wog das Bokken, das hölzerne Übungsschwert, in der rechten Hand.  Sein rechter Arm war seit der Geburt verkümmert und nun begann die Wirkung des Shosuro-Trankes, der dem Arm Stärke und Flexibilität verlieh, nachzulassen. Er hatte sich schon dem Ständer mit den Übungswaffen zugewandt, um den Übungskampf zu beenden, als er plötzlich innehielt. Letzte Nacht war ihm ein Gedanke in den Sinn gekommen und nun war der perfekte Zeitpunkt, um diesen in die Tat umzusetzen. Er drehte sich um.

„Yunako-san“, wies er sie an, „hol dein Katana.“

Hai, Bayushi-ue.“

Shoju wartete, während die Bayushi die offene Fläche der Dōjō-Übungshalle durchquerte. Ihre Füße knirschten auf der Sandschicht, die den Boden bedeckte.  Yunako legte das Bokken nieder und Stahl rieb auf Stahl, als sie ihr Katana zog. Sorgfältig steckte sie seine Scheide neben ihr Wakizashi, die zweite Klinge ihres Daishō, und kehrte dann zurück, um ihrem Streiter entgegenzutreten.

„Und jetzt“, befahl Shoju, „töte mich!“

Yunako verbeugte sich.  „Ganz wie Ihr wollt, Bayushi-ue.“ Urplötzlich richtete sie sich auf und schlug so heftig nach Shoju, dass ihn der Hieb im Falle eines Treffers enthauptet hätte.

Zwar traf der Hieb ihn nicht, jedoch verfehlte er Shoju, der zur Seite gesprungen war, nur um Haaresbreite. Mitten im Sprung drehte er sich um und schlug mit seinem Bokken zurück. Erneut war er wie Wasser; erneut war Yunako wie Feuer. Diesmal jedoch schlug sie mit rasiermesserscharfem Stahl auf ihn ein und hatte die erklärte Absicht, ihn zu töten, genau wie Shoju es ihr befohlen hatte.

Ein kraftvoller Hieb verfehlte Shojus Bauch nur knapp und hätte ihm beinahe die Eingeweide aufgeschlitzt. Er lächelte hinter seiner Maske und drosch erbittert mit dem Bokken auf Yunako ein. Die Bayushi sprang zur Seite und schlug zurück wie ein wahrhaftiger Skorpion – mit einem Überkopfschlag, der Shojus Kopf vom Hals trennen sollte. Er drehte sich um und versetzte Yunakos Schienbein einen Tritt, der sie für einen kurzen Moment aus der Balance brachte, so dass er sich unter dem Angriff hinwegducken konnte. Grinsend ließ er einen Rückhandschlag folgen, der Yunakos Arm traf. Schnell wie der Blitz wechselte sie die Richtung, gab dem Hieb nach, um auf diese Weise dessen Wucht abzuschwächen. Gleichzeitig schwang sie ihr Katana in weitem Bogen, um Shoju damit den Rücken aufzuschlitzen.

Er lachte.

Immer noch wie Wasser, warf Shoju sich mit seinem ganzen Gewicht nach vorne gegen Yunako, der Erde gleich, mit geballter Kraft und genauso unausweichlich wie ein Erdrutsch. Auch war er nun wie Feuer, so schnell wie hochschlagende Flammen … und wie Luft, sich jeder Bewegung von Arm und Hand, Bein und Fuß, jeder Verlagerung seines Gewichts, jeder An- und Entspannung seiner Muskeln bewusst … und wie Leere, als er all diese Eigenschaften in einem einzigen, vollkommenen Augenblick in sich vereinte, mit geschärften Sinnen und doch völlig unbekümmert.

Sein Sprung nach vorne und die plötzliche Wucht des Aufpralls gegen seine Gegnerin ließ diese für den Bruchteil einer Sekunde im Schwung innehalten – Zeit genug für Shoju, um Yunako mit seinem Bokken einen Schlag gegen die Schwerthand  zu versetzen, seine eigene Linke nach vorn schnellen zu lassen und ihr das Katana aus der Hand zu reißen. Er lenkte den Schwung der Waffe  nach unten um, dann beschrieb er mit ihr eine nach oben gerichtete Drehung vor dem eigenen Körper, drückte Yunako zugleich mit seinem Gewicht nach hinten und nach unten, bis er schließlich über ihr zum Stehen kam, ihr ein Knie in den Bauch rammte und sie zu Boden presste, während das Katana seinen neuen Bogen zu Ende führte und an ihrem Hals zur Ruhe kam.

Blut strömte aus der Wunde, die der Stahl in Yunakos Fleisch gerissen hatte, seine Farbe war vom gleichen leuchtenden Karmesinrot wie die Tsubaki-Blume, jene rote Kamelie, die in den Kaiserlichen Gärten blühte. Angesichts der Angemessenheit dieses Vergleichs lächelte Shoju erneut hinter seiner Maske.

Yunako für ihren Teil wartete einfach ab, mit ruhigem, beinahe friedlichem Gesichtsausdruck, die Augen auf etwas gerichtet, dass sich oberhalb und jenseits ihres Streiters befand. Der Augenblick zog sich in die Länge. Schließlich traf ihr Blick Shojus Blick.

„Meine Ehre“, stieß sie hervor, „und mein Leben für den Skorpion-Klan.“

Shoju erwiderte lange ihren Blick. Direkter Augenkontakt galt als Bruch der höfischen Etikette – aber sie waren hier nicht bei Hofe. Er sah keine Furcht in ihrem Blick, kein Zögern oder Bedauern.

Shoju nickte einmal mit dem Kopf und spannte den Arm, mit dem er das Katana hielt –

Dann sprang er auf und wirbelte herum. In geduckter Haltung richtete er Yunakos Klinge auf die Person, die geräuschlos das Dōjō betreten hatte und nun ganz in ihrer Nähe stand.

„Vergebt mir, Herr Shoju“, entschuldigte sich Bayushi Kachiko, ein Lächeln umspielte ihre Lippen.  „Störe ich?“

Shoju ließ die Klinge sinken und bedeutete Yunako, sich zu erheben. Er drehte das Katana herum und reichte es ihr, mit dem Heft zuerst. „Ich glaube, das gehört dir, Yunako-san.“

Yunako verbeugte sich tief, sowohl vor dem Streiter ihres Klans als auch vor der Kaiserlichen Beraterin. Blut tropfte von ihrem verwundeten Hals. „Ich muss mich für meine heutige schlechte Leistung entschuldigen, Bayushi-ue. Ich fürchte, ich bin eine unwürdige Gegnerin für Euch gewesen.“

„Ganz im Gegenteil, es war mir ein Vergnügen, gegen dich anzutreten, Yunako-san. Ich würde gerne wieder gegen dich kämpfen. Kümmere dich um deine Wunde und sei bei Sonnenaufgang wieder hier.“

 

Hai, Bayushi-ue.“ Yunako nahm ihr Katana von Shoju entgegen, sammelte die übrigen Bestandteile ihres Daishō auf, verbeugte sich erneut und zog sich aus dem Dōjō zurück.

Kachiko lächelte Shoju vielsagend an. „Habt Ihr vor, diese Frau zu Eurer Konkubine zu machen?“

Shoju hob das Bokken vom Boden auf und steckte es zurück in den Waffenständer. „Und wenn dem so wäre?“

„Ihr könntet eine bessere Wahl treffen. Ich kenne eine Shosuro, die eine geeignete Kandidatin wäre und eine Yogo, die ich Euch empfehlen könnte … Seht Euch vor, verliebt Euch lieber nicht in diese hier, denkt an den Fluch, der auf ihrer Familie liegt.“

Shoju schöpfte ein wenig Sand vom Boden des Dōjō und rieb sich den Schweiß damit von den Händen. Er hatte stechende Schmerzen in seinem verkümmerten rechten Arm, die ihn daran erinnerten, dass er eine weitere Dosis des Shosuro-Trankes benötigte. „Was soll ich mit einer Konkubine anfangen“, sprach er und trat näher an Kachiko heran, „wenn meine Ehefrau doch die begehrenswerteste Frau in ganz Rokugan ist?“

„Gebt acht, Herr Shoju … Wenn Eure Ehefrau mitbekommt, wie Ihr derlei Dinge sagt, könnte sie vielleicht anfangen, daran zu glauben.“

Shoju lächelte über das ganze Gesicht. „Zu glauben, was der Wahrheit entspricht, ist nur vernünftig.“

„Solch Ironie, und das vom Meister der Geheimnisse und Lügen.“

„Hin und wieder spreche ich die Wahrheit.“

Kachikos Augen leuchteten noch heller. „Und dabei handelt es sich unweigerlich um Wahrheiten, an denen ich Gefallen finde.“

Shoju ließ den Moment noch ein wenig nachklingen, dann trat er zurück. „Ich nehme an, Ihr seid nicht nur gekommen, um mir beim Training zuzusehen. Erlaubt mir, ein Bad zu nehmen, dann können wir uns weiter unterhalten. Treffen wir uns beim obersten Koi-Teich, gegen Ende der Stunde des Affen.“

Kachiko fuhr mit dem Finger über Shojus Handteller, als sie ihre Hand zurückzog. „Ich freue mich schon auf unser Treffen, mein Ehemann.“

 

Shoju sah den orangegoldenen, cremeweißen und gelegentlich auch schwarzen Koi- Karpfen dabei zu, wie sie unbekümmert durch den Teich schwammen. Ihre Bewegungen entsprachen tatsächlich denen des Wassers, sie befanden sich in einem endlosen, schleppenden Fluss. Einige der Phönix glaubten, dass man beim Beobachten der Koi-Karpfen Einblicke in die Zukunft gewinnen könne.

Er bückte sich und tauchte einen Finger ins Wasser, um einem bestimmten Fisch den Weg abzuschneiden.  Dieser stieß gegen seinen Finger, prallte zurück und schwamm anderswo lang. Ein weiterer Fisch änderte infolgedessen seine Bahn, der nächste tat angesichts dessen das Gleiche und so weiter, bis die meisten Koi ihre verschlungenen Bahnen geändert hatten.

Vielleicht haben die Phönix ja recht, dachte Shoju. Aber es reichte ihm nicht, nur zu wissen, was in der Zukunft geschehen würde. Die Zukunft zu ändern, zu gestalten, so wie er gerade die Bahn der Koi geändert hatte, das war es, was zählte.

„Dein Sohn“, vernahm er Kachikos Stimme hinter sich, „dein Sohn würde hellauf begeistert sein, dich mit den Fischen spielen zu sehen.“

Shoju beobachte die Koi weiterhin. „Dairu ist mehr als alt genug, um unterscheiden zu können, was Spiel ist und was nicht.“

„Du kümmerst dich also um die Fische? Für solche Aufgaben haben wir doch Diener.“

Shoju bemerkte, dass die Koi nun vermieden, in die Nähe seines Fingers zu kommen, während sie ihre Bahnen zogen. Sie hatten ihr Verhalten also an die Anwesenheit seines Fingers angepasst. Er zog ihn aus dem Teich und erhob sich. „Manchmal sind solch einfache Tätigkeiten, wie sich um die Fische zu kümmern, von großem Wert, insbesondere wenn der Schein trügt und sich etwas anderes dahinter verbirgt.“

Kachiko trat an seine Seite. „Der Schein des Einfachen trügt fast immer.“

Shoju nickte. Nicht weit von ihnen entfernt schnitt ein Gärtner die verwelkten Blüten von einem purpurfarbenen Büschel Veilchen. Weiter weg, in einer anderen Richtung, trugen zwei Diener Holz zu einem unter Kirschbäumen versteckten Teehaus, an dem gerade Reparaturarbeiten vorgenommen wurden. Shoju wusste, dass es andernorts in dem Laubwerk, das sie umgab, noch weitere Diener gab, die mit einer Vielzahl von Arbeiten beschäftigt waren, die erledigt werden mussten, um die Gärten stets in tadellos gepflegtem Zustand zu halten. Einfache Menschen, die einfache Dinge taten.

Doch all das war eine Lüge.

Es waren Diener, das stimmte durchaus, doch sie waren zugleich auch Agenten des Skorpion-Klans. Durch ihre Anwesenheit und ihre Bewegungen stellten sie sicher, dass niemand Kachiko und ihm nahe genug kommen konnte, um ihr Gespräch mitzuhören – zumindest nicht ohne, dass sie davon etwas mitbekommen würden. Der Gärtner würde seine Aufmerksamkeit auf einen nahegelegenen Hibiskus richten, die Arbeiter, die an dem Teehaus arbeiteten, würden ein bestimmtes Holzstück anheben und Shoju würde wissen, dass sich ihnen jemand näherte, lange bevor diese Person nahe genug gekommen wäre, um ein Grund zur Besorgnis zu sein. Kleine und einfache Dinge, ausgeführt von scheinbar kleinen und einfachen Leuten, die aber in Wirklichkeit von Bedeutung waren, voller trügerischer Einfachheit, und all das im Dienste des Skorpions.

„Etwas beunruhigt dich, mein Ehemann“, sagte Kachiko.

„Viele Dinge beunruhigen mich.“

„Hast du deshalb heute im Dōjō ernsthaft in Betracht gezogen, diese Samurai zu töten?“

Shoju warf einen raschen Blick auf Kachiko, dann spazierte er los. Er folgte einem verschlungenen Pfad, der vom Koi-Teich wegführte. Kachiko ging neben ihm her und hielt problemlos mit ihm Schritt.

„Sie sollte sehen, dass es tatsächlich meine Absicht war, sie zu töten“, erwiderte er, „so dass ich dann wiederum beobachten konnte, wie sie reagiert.“

„Du hast sie auf die Probe gestellt.“

Shoju beobachtete, wie die Diener, die in Wirklichkeit keine waren, begannen, sich in den Gärten umherzubewegen, um ihre Position an Kachikos und seine Bewegungen anzupassen. „Bayushi Yunako ist mir als Kandidatin für den Posten des Kommandanten der Bayushi-Garde vorgeschlagen worden. Solch ein Posten erfordert absolute Loyalität und ein unerschütterliches Pflichtbewusstsein. Deswegen befahl ich ihr, mich zu töten. Sie wendete augenblicklich all ihre Fähigkeiten an, um genau das zu tun. Und nachdem ich sie besiegt hatte, war sie ebenso dazu bereit, von meiner Hand zu sterben, ohne Fragen zu stellen und ohne überhaupt zu verstehen, warum.“

„Eine Tote würde einen schlechten Kommandanten abgeben, egal wie loyal oder aufopferungsvoll sie zu Lebzeiten war.“

„Dann ist es gut gewesen“, entgegnete Shoju, „dass du genau in diesem Moment aufgetaucht bist.“

Kachiko lächelte. Sie spazierten für eine Weile einfach nur unter den blühenden Bäumen dahin und genossen das Spiel der Farben und die sich vermischenden Gerüche einer Vielzahl von Blumen. Schließlich kamen sie zu einer kleinen, bogenförmigen Brücke, die über einen Bach führte, der gemächlich dahinplätscherte. Einer von vielen Bächen, die sich durch die Gärten des Kaiserlichen Palastes wanden. Shoju hielt an der höchsten Stelle der Brücke inne und lehnte sich über das Geländer, um dem Wasserlauf mit den Augen bis dorthin zu folgen, wo sich der Bach unter den herabhängenden Ästen einer Trauerweide verlor.

Kachiko legte ihre Hand genau neben seine Hand auf das Geländer. „Und doch hast du meine Frage nicht beantwortet“, ermahnte sie ihn. „Etwas beunruhigt dich … etwas von größerer Bedeutung, als nur die Last der Verantwortung, einen vertrauenswürdigen Kommandanten für die Streitkräfte unseres Klans auswählen zu müssen.“

Shoju beobachtete ein einsames Rosenblatt, das den Bach hinabtrieb. „Ich muss immerzu an ein Kabuki-Theaterstück denken, das ich kürzlich sah“, antwortete er. Die Augen der Zuschauer sollten natürlich auf die Schauspieler gerichtet sein, die ihre Rollen alle mit bemerkenswerter Kunstfertigkeit spielten. Im Mittelpunkt meines Interesses standen jedoch die Kuroko, die ganz in schwarz gekleideten Bühnenarbeiter, die die Requisiten hin-und her bewegten und die Bühne und das Bühnenbild im Verlauf des Stückes immer wieder neu anordneten. Sie trugen schwarze Kleidung, um unsichtbar zu sein und nicht die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu lenken.“ Er sah Kachiko an. „Da begriff ich plötzlich, dass die Kuroko in Wirklichkeit die wichtigste Rolle auf der Bühne spielten. Die Bewegungen der Schauspieler werden durch die Kuroko bestimmt, sie verändern sich je nachdem, wie diese das Bühnenbild und die Requisiten aufstellen. Wenn man nur einen einzigen Bestandteil der Kulissen ganz geringfügig verändert, kann man einen der Darsteller dazu bringen, in den Schatten zu treten, eine leicht gebeugte Haltung einzunehmen oder ein bisschen zu nah an den Bühnenrand zu treten. Dadurch wird das Schauspiel dieses Darstellers und zugleich das gesamte Theaterstück verändert.“

Kachiko betrachtete ihren Ehemann, sagte aber nichts, sondern wartete darauf, dass er weitersprach.

Shoju blickte zurück zu dem Rosenblatt, das auf dem Bach trieb. „Wenn das Kaiserreich das Theaterstück ist und die Klans die Schauspieler sind, dann steht unser Klan im Zentrum der Bühne, an dem Ort, auf den die Aufmerksamkeit der Zuschauer am stärksten gerichtet ist.“ Er drehte sich zu Kachiko um. „Aber ist das der Ort, an den der Skorpion-Klan gehört? Sind wir nicht dazu bestimmt, die Kuroko zu sein, schwarz gekleidet und weitestgehend unbeachtet, so dass wir die Ereignisse im Kaiserreich lenken und gestalten können, während aller Augen auf die anderen Klane gerichtet sind?“

„Wir haben große Anstrengungen unternommen, um so mächtig zu werden, wie wir es jetzt sind“, gab Kachiko zu Bedenken. „Jahre voller sorgfältiger Planung, Jahre, in denen wir nach und nach alle Schlüsselpositionen besetzten und durch geschickt arrangierte Vermählungen an Einfluss gewannen, Jahre, während derer wir jene, die uns im Wege standen, beseitigten, wegen all dem sind wir heute an dem Punkt angekommen, an dem wir nun stehen.  Der Skorpion-Klan hat sich seine Position im Zentrum der Kaiserlichen Bühne verdient, nicht wahr?“

„Das bestreite ich keineswegs“, erklärte Shoju. „In der Tat haben wir uns das, was wir haben, hart verdient. Das bedeutet jedoch nicht, dass es das ist, was wir haben sollten.“

„Ich glaube, ich höre die Stimme eines anderen in deinen Worten widerhallen, mein Ehemann. Aus dir sprechen die Daimyō der Soshi- und der Yogo-Familie …“

„Soshi Shiori und Yogo Junzo haben sich mir beide anvertraut, das stimmt. Beide glauben, jeder auf seine Art und Weise, dass wir zu viel Macht angehäuft haben und darüber aus dem Blick verloren haben, was unsere wahre Rolle im Kaiserreich sein sollte.“

„Und du bist ihrer Meinung?“

Shoju hielt nach dem Rosenblatt Ausschau, aber es war nicht mehr zu sehen, verschwunden hinter den herabhängenden Ästen der Weiden. „Gewissermaßen teile ich ihre Ansichten.“ Er schenkte Kachiko ein Lächeln. „Jedoch würde ich zu keiner Frage eindeutig Stellung beziehen, ohne zunächst diesbezüglich den Rat der Person einzuholen, der ich am meisten vertraue.“

„Das hört sich ganz so an, als ob du vorschlagen möchtest, unsere Macht an die anderen Klane abzutreten, was ihnen erlauben würde, ihre Stellung am Kaiserlichen Hof auszubauen. Und das soll uns ermöglichen, vom Rande her, aus einer Position der Schwäche heraus, unsere Interessen durchzusetzen?“ Kachiko zog die Augenbrauen hoch. „Das ist ein interessanter Ansatz, um die Agenda unseres Klans voranzutreiben.“

„Einer meiner Vorgänger, Bayushi Ogoe, hat doch genau das getan, oder etwa nicht? Der Skorpion-Klan war zu seiner Zeit im Kaiserreich auf dem aufsteigenden Ast, und das in nahezu jeglicher Hinsicht. Bayushi Ogoe brüstete sich damit, wie einfach es doch sei, den Einhorn-Klan zu besiegen, obwohl jeder andere Klan an dieser Aufgabe gescheitert war, und wurde dann von ihnen auf zutiefst demütigende Art und Weise geschlagen. Das ließ unseren Klan übertrieben selbstbewusst und schwach wirken. Die anderen Klane sahen uns nicht länger als Gefahr an und begannen sich wieder gegenseitig zu bekriegen – die idealen Bedingungen also, um die Dinge zu tun, die unser Klan am besten beherrscht.“

„Der Unterschied“, warf Kachiko ein, „liegt darin, dass in Rokugan zu Ogoes Zeiten relativer Wohlstand und Stabilität herrschten. Es bot sich den Klanen damals an, den Skorpion zum  gemeinsamen Feind zu erklären. Kachiko sah zu einer Gruppe von Ahornbäumen hinüber, die in einiger Entfernung am Rande des Pfades standen, dem sie gefolgt waren. Ihr Blick schweifte in die Ferne und richtete sich starr auf etwas jenseits der Bäume. „Verglichen damit befindet sich das heutige Kaiserreich in Aufruhr. Dem Kranich-Klan steht eine Hungersnot unmittelbar bevor – eine Hungersnot, die sich ausbreiten könnte, wenn die Ernte in einem weiteren Teil des Kaiserreichs schlecht ausfällt. Der Drachen-Klan muss sich mit einer konstant rückgängigen Geburtenrate herumschlagen und die ketzerische und abtrünnige Sekte der Bruderschaft des Vollkommenen Reichs gewinnt derweil an Einfluss. Der Krabben-Klan kämpft mit aller Macht darum, den Kaiu-Wall gegen den Ansturm der Mächte der Finsternis zu verteidigen, dem Phönix-Klan fällt die Beschwörung des Elementaren Kami von Tag zu Tag schwerer .“

„Ich bin mir der Schwierigkeiten, denen sich das Kaiserreich gegenüber sieht, durchaus bewusst“, erwiderte Shoju. „Genau wegen dieser Schwierigkeiten beäugen uns die anderen Klane mit eifersüchtigem Blick. Doji Hotaru zum Beispiel. Zugegeben, sie ist noch jung und sie verfügt über wenig Erfahrung in der Rolle der Streiterin des Kranich-Klans, aber sie ist Doji Satsumes Tochter. Sie wird versuchen, bei Hofe Macht zu erlangen, um die Schwäche ihres Klans auf anderen Gebieten auszugleichen, insbesondere nach dem Tode des Smaragdenen Streiters. Der Phönix- und der Einhorn-Klan werden sie nur zu gerne in diesem Bestreben unterstützen.“

„Die Phönix sind nahezu unbedeutend“, entgegnete Kachiko mit einem Achselzucken, „und ein Bündnis zwischen Kranich und Einhorn wird wohl kaum zustande kommen. Außerdem kann es für uns von Nutzen sein, dass der Kranich-Klan nicht länger den Smaragdenen Streiter stellt. Ich glaube, dein Bruder Aramoro würde einen hervorragenden Kandidaten abgeben.“

„Vielleicht … aber Kakita Yoshi ist immer noch Kaiserlicher Kanzler. Er wird Hotaru sicherlich mit Vergnügen dabei behilflich sein, die Agenda ihres Klans bei Hofe voranzutreiben.“

„Sei versichert, dass du dir keine Sorgen um Hotaru und somit auch nicht um den Kranich-Klan machen musst, mein Ehemann.“

Shoju sah auf das Wasser hinab, ihm war Kachikos entschlossener Tonfall aufgefallen. Er machte eine kurze Pause, um ihr zu verstehen zu geben, dass er davon Notiz genommen hatte, und fuhr dann fort: „Dann wäre da noch unser angespanntes Verhältnis zum Krabben-Klan. Hida Kisada beginnt über uns zu murren. Er scheint uns die Schuld daran zu geben, dass der Kaiser offensichtlich kein großes Interesse für die Bedrohung aufbringt, die jenseits des Walls lauert. Im allergünstigsten Falle fragt Kisada sich lediglich, warum wir unseren Einfluss nicht darauf verwenden, den Kaiser davon zu überzeugen, dass der Schutz des Walls die dringlichste Angelegenheit im ganzen Kaiserreich ist.“

„Kisada würde die Schwäche seines Klans niemals so offen eingestehen.“

„Ich habe ihm die Unterstützung unseres Klans angeboten, durch Truppen und Kriegsmaterial, aber er verlangt, meine Männer in einem Ausmaß zu kontrollieren, das ich so nicht akzeptieren kann.“

„So viel Halsstarrigkeit und falscher Stolz ist typisch für den Krabben-Klan.“

„So ist es, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass auch der Krabben-Klan unsere Macht und unseren Einfluss mehr und mehr mit Unmut betrachtet.“

Kachiko blieb für eine Weile still. Shoju hatte das Gefühl, dass sie in Stille das Für und Wider eines Gedankens abwog – sie schien sich nicht sicher zu sein, ob sie aussprechen sollte, woran sie dachte und wenn ja, in welche Worte sie es verpacken könnte.  Er wartete voller Neugier ab und lauschte dem gedämpften Gurgeln des Baches  unter der Brücke.

„Vielleicht“, gab Kachiko schließlich zu Bedenken, „gibt es eine weitere Sichtweise auf das Theaterstück.“

Shoju sah sie an.

„Vielleicht“, setzte sie fort, „sollten wir, anstatt unsere Macht aufzugeben und wie deine Kuroko im Schatten zu agieren, genau das Gegenteil tun. Wenn Aramoro meinem Vorschlag entsprechend zum Smaragdenen Streiter gewählt werden würde, sollten wir die Gelegenheit vielleicht dazu nutzen, um die Machtposition unseres Klans zu festigen, und noch mehr Macht zu erlangen.“

„Das wäre eine wahrhaft unverfrorene  Strategie.“

„Möglicherweise. Aber auch hier muss man bedenken, dass wir nicht mehr zu Ogoes Zeiten leben. In harten Zeiten wie diesen benötigt Rokugan Stärke und Führungsqualitäten. Wenn wir unsere wohlverdiente Machtposition aufgeben und dabei zusehen, wie unsere einstige Macht den anderen Klanen zufällt, werden wir schlicht und einfach Gefahr laufen, eine Situation zu verursachen, in der alle Klane schwach sind, und das in Zeiten, in denen zumindest ein Klan stark sein muss.“

„Bayushi-no-Kami sagte zum ersten Kaiser, der Skorpion werde der Schurke des Kaisers sein“, erwiderte Shoju, „nicht der Vollstrecker seines Willens.“

„Das stimmt. Aber inzwischen hat Rokugan viele Hantei-Kaiser kommen und gehen gesehen. Keiner von ihnen hat so deutlich wie der erste in der Gunst der Himmel gestanden. Und der jetzige Kaiser, der achtunddreißigste …“

Shoju bedeutete ihr, nicht weiterzusprechen. „Das sind gefährliche Worte, meine Ehefrau, wenn du damit andeuten möchtest, dass die Himmelssphären dem jetzigen Hantei ihre Gunst vorenthalten.“

„Ich würde mir nie anmaßen, etwas derartiges anzudeuten“, erwiderte Kachiko. „Ich habe nur beobachtet, dass das ganze Kaiserreich von Krisen gezeichnet ist und dass überall Konflikte aufflammen. In solchen Zeiten muss der Kaiser besonders stark sein. Er braucht deine Stärke, Bayushi Shoju vom Skorpion-Klan.“

Shoju verschränkte die Hände hinter dem Rücken, seine gute Linke umfasste die verkümmerte Rechte. „Da kommt mir ein absurder Gedanke in den Sinn“, sprach er. „Vielleicht liegt es ja nur daran, dass ich noch erschöpft von den Strapazen im Dōjō bin. Wie dem auch sei, das was du gerade gesagt hast, könnte man dahingehend interpretieren, dass ich auf dem Chrysanthementhron sitzen sollte.“ Er lächelte. „Aber wie schon gesagt, es ist völlig absurd, zu denken, dass du etwas derartiges auch nur im Entferntesten gemeint haben könntest, oder?“

Kachiko lachte.

„Oh mein Ehemann, glaubst du tatsächlich, ich könnte mir so etwas auch nur vorstellen? Dass jemand anderes als ein Hantei auf dem Thron von Rokugan säße?“ Sie lachte erneut. „Als Bayushi-no Kami erklärte, er werde Hantei-no Kamis Schurke sein, glaube ich kaum, dass er dabei dieses Ausmaß von Schurkerei im Sinn hatte. Genau wie du sagst, das ist ein völlig absurder Gedanke.“

„Womöglich“, warf Shoju ein, während das Lächeln aus seinem Gesicht verschwand, „solltest du dann deine Worte sorgfältiger wählen, meine Ehefrau.“ Er blickte sich um und sah den Gärtner, der inzwischen das Gras unter einem Hibiskus-Strauch in Form brachte, die Arbeiter beim Teehaus, die gerade ein neues Stück Holz anhoben. Diese Gärten, genau wie der Kaiserliche Hof selbst, wurden in der Tat vom Skorpion-Klan beherrscht. Es war beinahe sicher, dass es niemandem jemals gelingen würde, ihr Gespräch mitzuhören.

Beinahe.

Kachiko verneigte sich in einer entschuldigenden Geste. „Du hast natürlich recht, mein Ehemann. Ich werde mir Mühe geben, in Zukunft nicht mehr so unvorsichtig zu sein.“

Shoju nickte und setzte seinen Spaziergang fort, über die Brücke und auf die Gruppe von Ahornbäumen zu. Kachiko hielt erneut mit ihm Schritt und sie nahmen ihr Gespräch über die vielen Schwierigkeiten, denen sich das Kaiserreich gegenübersah – und über die Möglichkeiten, die dem Skorpion-Klan daraus erwuchsen – wieder auf.

Bayushi Shoju – Pflichtbewusster Streiter des Skorpion-Klans