Der Umgang mit der Meishōdō-Magie – Prolog

Feuer ohne Rauch

Von Katrina Ostrander

„Bist du bereit?“

„Ja, Sensei.“

Isawa Atsuko schlug dem Jugendlichen mit einem Bambusrohr hart gegen das Knie;  der Junge erstarrte vor Schmerz.

Nobu war zwar ein äußerst vielversprechender Schüler, aber sein Sensei musste ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

„Nein, Sensei“, berichtigte er sich. „Ich bin nicht bereit.“

„Schon besser. Du bist noch nicht ausreichend darauf vorbereitet, um in die Leere einzutauchen. Wir müssen deine Sehkraft schärfen, damit du lernst, ohne Augen zu sehen, und deinen Willen stärken, um zu verhindern, dass du dich in der Sphäre der Leere verlierst.“

       Der Adept nickte und schloss die Augen. Er atmete in tiefen, ruhigen Zügen und konzentrierte sich darauf, die eigene Mitte zu finden. Atsuko ließ sich neben ihrem Schüler auf dem Boden nieder und nahm die Meditationshaltung ein. Ihre Knie schmerzten und im Raum war es zu heiß; bald jedoch würde sie an einem Ort jenseits der Schmerzen und körperlichen Beschwerden sein.

„Höre auf die Geräusche, die aus dem Tempel zu uns herüberdringen, und lass sie an dir vorbeiziehen.“ Sie hörte genau hin und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Weltenstrom. „Lausche dem dumpfen Fußgetrappel – laut, leise, laut, leise –, der Wind raschelt in den Nadelzweigen der Pinien, die Vögel zwitschern auf ihren Ästen …“

So machten sie für eine Weile weiter und Nobus Atmung wurde immer langsamer. Irgendwo im Tempel unterhielten sich andere Ishiken mit gedämpfter Stimme. Ein Windstoß traf die Pinien, ein Ast knarrte. Der Wasserfall jenseits des Tempelgeländes stürzte in schmalen Kaskaden in das Flussbecken hinab. Ihr Schüler würde nun auch den Fluss wahrnehmen und sein Bewusstsein sanft von dessen Strömung davontragen lassen. Atsuko tat das Gleiche.

Minuten vergingen, vielleicht sogar Stunden. Sie stemmte sich gegen den reißenden Fluss, sie war ihrem Schützling ein Anker, als sie plötzlich einen Knoten verspürte, an dem sich das stramm gespannte, meditative Band zwischen ihnen verfing, als sei es nichts weiter als ein Seidenfaden.

Hier stimmt etwas nicht. Nobu-kun, du musst in deinen Körper zurückkehren.

Sie wartete, bis ihr Schüler wieder bei Bewusstsein war. Zufrieden, dass er in Sicherheit war, tastete sie sich vor, bis sie erneut dieses Gefühl von Enge verspürte. Sie zerrte an dem Wirrwarr, folgte dem Verlauf des Bandes bis zum Ursprung des Knotens, ihr Bewusstsein kämpfte dabei gegen den Strom von Raum und Zeit an.

Mit geschlossenen Augen griff sie nach ihrer Wahrsageschale. Auch wenn der sterbliche Geist das aufgepeitschte Wabern der Leere nicht durchdringen konnte, so zeigten sich in der heiligen Metallschale doch verschwommene Bilder auf der Oberfläche des Wassers. Sie erschauderte, als die Leere in kalten Schüben über ihre Hände kroch, als ob sie eine Schale mit Schnee aus den Bergen darin hielte. Sie öffnete die Augen und starrte angestrengt hinein.

Das purpurne, mit Pelz verzierte Gewand eines Reiters auf dem Rücken seines Pferdes.

          Ein geschnitztes, silbrig schimmerndes Horn.

          Goldene, sich ausbreitende Schwingen; darunter ein rubinroter Schimmer, der in zwei Hälften zerspringt.

          Sonne und Mond vertauschen ihre Plätze am Horizont und stürzen die Welt in Finsternis.

          Eine Lache aus brodelnder Finsternis sammelte sich in der Schale; sich windende, miteinander verflochtene, stetig dunkler und länger werdende Stränge von Finsternis, die sich zu einer Schattenkreatur formten. Dort, wo deren Füße den Boden berührten, entsprang ein Strom aus Blut, das die Flüsse füllte und die Gebirge und Ebenen überflutete. Die Kreatur folgte dem Blut und in ihrem Gefolge breitete sich die Finsternis aus, wie eine Wolke, die den Himmel verdunkelt.

          Nach Osten – sie war auf dem Weg nach Osten. Der aufgehenden Sonne entgegen, in Richtung des kaiserlichen Palastes, der in das warme Licht der Morgenröte getaucht war.

Wellen von Angst jagten durch ihren Körper, so wie Geröll, das von einem Strom, der Hochwasser führt, mitgerissen wird. Sie hielt nach einem Gegenstand Ausschau, an dem sie sich festhalten konnte, und zog sich aus den reißenden Wassern. Sie schrie auf, als ihr Bewusstsein in ihren Körper zurückschnellte, der sich vor Schmerz krümmte, und stolperte ein paar Schritte zurück. Die Schale fiel klirrend zu Boden.

Als sie sich mühsam aufrichtete, war Nobu gerade dabei sich zu übergeben. Diese Störung der elementaren Ordnung – auch ihr unzureichend vorbereiteter Schüler musste sie verspürt haben. Weil die Fluten der Leere ihn mit sich gerissen haben, obwohl ich ihn doch angewiesen hatte, sich in Sicherheit zu bringen …

Leises Wehklagen war nun im gesamten Tempelkomplex zu vernehmen. Ihre Ängste hatten sich bestätigt. Sie musste sofort Meister Ujina und Herrin Kaede kontaktieren. Die beiden würden den Kaiser warnen müssen, bevor es zu spät war.

Das Krächzen von Atsukos Stimme verhallte in ihrem Kopf, doch selbst als Kaede die Berührung der Leere nicht mehr spürte, wich die Kälte nicht aus ihrem Herzen.

Das hätte keine Überraschung für sie sein dürfen – die Shugenja des Phönix-Klans hegten schon seit langem den Verdacht, dass die fremdartige Einhorn-Magie gefährlich sei. Der Kaiser hätte die Ausübung von derartiger Magie innerhalb der Reichsgrenzen niemals gestatten dürfen.

Und nun hatte diese Magie die realen Gegebenheiten verändert; all jene, die die Gabe hatten, die Leere wahrzunehmen, konnten diese Veränderung spüren. Das Glück musste Atsuko hold gewesen sein, sonst hätte die Ishiken es womöglich nicht geschafft, die verworrenen Knoten der Zukunft zu lösen und einen Blick auf die Ursache dieser Veränderung zu werfen.

Kaede schenkte sich eine Tasse Tee ein und umschloss das Porzellan der Tasse in einem vergeblichen Versuch, gegen die Kälte anzukämpfen, mit beiden Händen.

Als sie die Augen schloss, konnte sie das Nachhallen der Veränderung erneut deutlich spüren und auch die Benommenheit kehrte zurück. Sie atmete den scharfen Ingwergeruch des Tees ein, um sich zu beruhigen und das Unbehagen, das sie empfand, loszuwerden.

Sie könnte im Geiste nach der Veränderung greifen, sie könnte versuchen, ihr Bewusstsein an Zeit und Ort der Veränderung zu schicken, aber sie wagte es nicht, die Reise von der Hauptstadt aus anzutreten. Sie könnte in der Leere ertrinken, oder noch weitaus schlimmer – sie könnte andere mit sich in die Sphäre der Leere ziehen, so wie sie es zuvor bereits getan hatte. Sie würde das Risiko, noch ein weiteres Menschenleben zu gefährden, nicht eingehen.

Sie schlug die Augen auf und nippte am Tee; ihre Hände zitterten immer noch.

Man sagte, sie habe Ujinas spezielles Talent geerbt und würde womöglich eines Tages eine noch weitaus mächtigere Ishiken werden als er. Aber welchen Nutzen hatte dieses Talent, wenn es zu gewaltig war, um es anzuwenden?

          „Im Universum herrscht zwischen allen Dingen ein Gleichgewicht, Kaede“, hatte ihr Vater ihr versichert. Mit solch einer furchtbaren Begabung geboren zu sein, bedeutete, dass sie in ihrem Leben in eine ebenso furchtbare Notlage geraten würde, in der sie diese Begabung bitter nötig hätte. Schließlich würde sie eines Tages ihrem Vater als Elementarmeisterin der Leere nachfolgen.

Sie betete darum, dass sie bereit sein würde, wenn dieser Tag käme – sowohl für den Verlust ihres Vaters als auch dafür, das Gewicht der Verantwortung zu tragen, die dann auf ihren Schultern läge.

Hier in der Hauptstadt konnte sie von ihren anderen Fähigkeiten Gebrauch machen: Gelehrsamkeit und Diplomatie. Sie vertrat ihren Vater und den gesamten Rat der Elementarmeister bei Hofe und sie beriet Seine Majestät den Kaiser hinsichtlich der Geister und der zehn Welten. Dem Phönix-Klan oblag die Verantwortung für alle Welten bis auf eine – Ningen-dō, die Welt der Sterblichen, jene Welt, die in Atsukos Vision in Gefahr geraten war. Nur in dieser Welt lag der Wirkungskreis der anderen Klane, nur hier wurden sie zu Rate gezogen. Die anderen Klane würden Kaede die Einmischung in deren Angelegenheiten übel nehmen.

Alle Amtsgeschäfte des Kaiserreiches lagen während des Chrysanthemen-Festes auf Eis, aber Kaedes Warnung konnte nicht länger warten. Nicht wenn die Ishiken derart machtvolle Rituale vollzogen hatten, um sie unverzüglich und über die Entfernung von Hunderten von Meilen hinweg zu kontaktieren.

Und nicht, wenn die Möglichkeit bestand, dass die Einhorn-Shugenja ihre fremdartige Magie in Anwesenheit des Kaisers zur Schau stellen und so den Herrscher selbst und all die Unschuldigen, die sich anlässlich der Feierlichkeiten bei Hofe eingefunden hatten, in Gefahr bringen würden.

Kaede traf den Kaiser gemeinsam mit seinen Kindern und in Begleitung der Seppun-Garde der kaiserlichen Familie sowie der hochrangigsten Mitglieder des kaiserlichen Kabinetts in dem zweigeschossigen Torhaus des kaiserlichen Palastes an. Kichō-Vorhänge und rote Blenden schützten den Raum vor der sengenden Sommerhitze und ermöglichten es dem Hantei zugleich, den Feierlichkeiten abgeschirmt von der Öffentlichkeit beizuwohnen. Als sie sich verbeugte und den Raum betrat, bedachte Kronprinz Sotorii sie mit einem gekünstelten Lächeln und warf ihr einen sehnsüchtigen Blick zu, aber davon durfte sie sich jetzt nicht ablenken lassen.

Sie erspähte Ishikawa, den Kommandanten der Seppun-Ehrengarde, und bewegte sich schnurstracks auf ihn zu. Wie sie erwartet hatte, trat er einen Schritt zur Seite, um sie zu begrüßen. Beide übten sie sich in der subtilen Kunst des Austauschs von Höflichkeiten, aber sie musste ihn allein sprechen, weitab von den übrigen Mitgliedern der kaiserlichen Abordnung.

„Kommandant, möchtet Ihr nicht auch einen besseren Blick auf die Parade haben? Lasst uns hier hinüber gehen.“ Der Lärm der eng aneinander gedrängten Masse der Feiernden dort unten würde schon dafür sorgen, dass ihr Gespräch nicht zum neuesten Hoftratsch würde.

„Natürlich“, antwortete Ishikawa und blickte kurz zur Rubin-Streiterin, Agasha Sumiko, hinüber, die nickte und näher an ihre Schützlinge – den Kaiser und seine Erben –  herantrat.

Die Beifallsrufe der Einwohner der Verbotenen Stadt schallten zu ihnen herauf, als die Prozession um die Ecke kam. Kaede hatte sich auf diesen Tag gefreut, an dem die Trauer um Doji Satsume, die die Stadt wie ein Leichentuch umhüllt hatte, endlich vom Frohsinn der Festivitäten abgelöst werden würde. Nun jedoch erschienen ihr das langsam lauter werdende Ratschen der hölzernen Klappern und die Schläge der Trommler wie das Zirpen einer nervtötenden Zikade.

Unter ihnen, in den überfüllten Straßen, paradierten Mitglieder der Otomo-Familie, der Seppun-Familie und der Miya-Familie am Palasttor vorbei. Ihre Gewänder waren in den kaiserlichen Farben gehalten und mit Bändern aus Chrysanthemen-Blüten geschmückt. Sie trugen smaragdene Banner, die mit dem goldenen Mon der Kaiserfamilie verziert waren.

„Euer Blick ist von Sorge umschattet. Was ist der Grund dafür?“, wollte der Kommandant wissen.

Kaede atmete tief ein. „Ich habe heute eine Nachricht vom Heiligtum des Sternenhimmels erhalten.“ Ishikawa war der Name der Schule für Shugenja der Leere ein Begriff und er wusste, dass diese Nachricht – wie auch immer sie lautete – nicht warten konnte. „Ich komme, um Euch über ein unheilvolles Omen zu unterrichten. Unsere Ishiken glauben, dass der Kaiser in Gefahr ist.“

„Eine finstere Macht bedroht uns aus dem fernen Westen, von jenseits des Gebirges, das auch als Rückgrat der Welt bekannt ist. Gespürt haben wir diese Bedrohung alle, aber nur eine der Unsrigen konnte einen flüchtigen Blick auf ihren Ursprung werfen. Wir denken, die Bedrohung geht vom Einhorn-Klan und  seiner Talisman-Hexerei, der sogenannten „Namen-Magie“, dem Meishōdō aus.“

Der Kommandant dachte schweigend über ihre Worte nach.

Nach den Familien aus dem direkten Umfeld des Kaisers marschierten die Löwen, ihre Krieger in voller Schlachtrüstung, weiße Mähnen flatterten im Wind. Diese Samurai hatten Rokugan wieder und wieder gegen Invasoren verteidigt, ob es nun die Horden der Brennenden Sande waren, die Schiffsflotten des elfenbeinfarbenen Königreichs oder fremde Armeen, die aus noch weiter entfernten Gebieten stammten.

Aber würde es ihnen gelingen, den Kaiser vor dieser Bedrohung aus den Schattenlanden  zu bewahren? Wenn die Mächte der Finsternis sich erst versammelt hätten, könnten sie dann noch aufgehalten werden? Wäre der Löwe, der scheinbar kurz davor war, eine militärische Großoffensive gegen den Kranich-Klan zu starten,  auf eine solche Bedrohung vorbereitet? Die noch unerfahrene Streiterin der Phönix, Shiba Tsukune, würde bei dem Versuch, Frieden zwischen diesen beiden erbitterten Rivalen zu stiften, in schwere Bedrängnis geraten. Im Augenblick wäre wohl noch nicht einmal der Kaiser selbst dazu in der Lage.

Die Krieger des Löwen-Klans wandten sich dem Torhaus zu und verbeugten sich wie ein Mann. Sie richteten sich auf und riefen mit einer Stimme: „Banzai!“ in Richtung des Kaisers, bevor sie ihre Prozession durch die Verbotene Stadt fortsetzten.

Ihre Worte würden von der Seppun-Familie als Beleidigung ihrer Ehre und ihrer Samurai-Schulen aufgefasst werden, doch Kaede sammelte all ihren Mut und fragte: „Falls die Einhörner heute ihre verfluchten Talismane benutzen und etwas  passieren sollte, ist die Ehrengarde des Kaisers auf solch einen Fall vorbereitet?“

Ishikawas Augen weiteten sich und er warf sofort einen prüfenden Blick auf das Torhaus hinter ihnen, um sich zu vergewissern, dass die kaiserliche Familie in Sicherheit war.  „Die Mitglieder der Ehrengarde sind darauf vorbereitet, alles zu opfern, um das Leben des Kaisers zu schützen und die Shugenja der Verborgenen Garde haben geschworen, die Seele des Kaisers vor allem Unheil zu bewahren.“

Sie bohrte noch weiter nach – ihre Worte waren hart an der Grenze zur Unschicklichkeit, aber Kaede und Ishikawa kannten sich schon seit Jahren. Sie konnten ehrlich zueinander sein. Wenn sie versucht hätte, den Seppun Shugenja derartige Ratschläge zu erteilen, hätten diese sie umgehend weggeschickt. Sie atmete tief ein und fragte: „Können sie den Kaiser gegen Mächte verteidigen, die sie nicht verstehen?“

Ishikawa stand aufrechter als zuvor und seine Hände ballten sich voller Entschlossenheit zu Fäusten: „Sie sind die Besten der Besten und sie haben Seine Majestät noch nie im Stich gelassen.“

Bevor das Truppenkontingent der Löwen endgültig vorübergezogen war, ertönten bereits die Trommelschläge eines anderen Klans und dessen Hymne schallte über die Allee. Die Kraniche waren als nächste an der Reihe und ihr Auftritt versprach eine spektakuläre Darbietung voller Tanz und Kunstfertigkeit zu werden. Himmelblaue Gewänder und Bänder fluteten heran und ebbten wieder ab, ganz wie der große Ozean der Sonnengöttin. Silberne Schwerter blitzten bei der Darbietung einer Szene aus einem Kabuki-Stück auf wie die silbrigen Schuppen eines Schwarms Fische. Derartige Schönheit war so zerbrechlich, sie konnte in dieser verdorbenen Welt mit Leichtigkeit ausgelöscht werden.

Kaede sprach unsicher weiter: „Die Kampftechniken der verschiedenen Familien gehören zu ihren bestgehüteten Geheimnissen und die Traditionen ihrer Shugenja werden noch sorgfältiger geheim gehalten. Es hat viele Jahrhunderte gedauert, bis die Isawa die Stärken und Schwächen der Shugenja jedes Klans durchschaut hatten. Die Soshi können Gebete verrichten, ohne Gebrauch von Worten zu machen, wohingegen die Kitsu ihre Ahnen beschwören und um Rechtleitung und Schutz bitten. Wir wissen nicht genau, wie sie das tun, aber wir – und die Verborgene Garde – wissen zumindest, was wir von ihnen zu erwarten haben.“

„Gleichen denn die Amulette der Asahina-Shugenja nicht in erheblichem Maße oder sogar vollständig den Talismanen der Iuchi?“ Ishikawa legte den Kopf schräg und blickte Kaede schief von der Seite an. „Sowohl die Amulette der Kraniche als auch die der Einhörner scheinen ihrem Träger den Segen der Kami zuteilwerden zu lassen.“

War das tatsächlich der Segen der Kami – oder die Gunst irgendeines Dämons? „Da können wir uns nicht sicher sein. Niemand kann das.“ Die Amulette der Asahina aus Bambus, gefaltetem Papier, Seide und Glöckchen sahen den Omamori ähnlich, die die Schrein-Wächter anfertigten, um den Segen der Kami mit den Menschen zu teilen, doch die Schutzwirkung der Asahina-Amulette war viel stärker. Viele der Iuchi-Talismane sahen jedoch wie scheußliche Monstren aus: Sie hatten die Form von Menschen, aber waren durch mit Schuppen bedeckte Schwänze, gefiederte Schwingen, gehörnte Köpfe und bepelzte Beine entstellt. Diese Amulette waren genauso grotesk wie die Oni, die in Jigoku hausten.

Kaede musste ihn dazu bringen, sie zu verstehen. „Ich schwöre, Kommandant, unsere Entscheidung, mit diesen Informationen an Euch heranzutreten, ist nicht unüberlegt getroffen worden. Ihr seid der Anführer der Beschützer des Kaiserreichs. Bitte berichtet dem Kaiser von meinen Befürchtungen, nur wenn Ihr ihn darauf ansprecht, wird mein Rat bei ihm Gehör finden. Wenn Meishōdō so gefährlich ist, wie wir glauben, dann wird Eure Garde mit einer schrecklichen Bedrohung konfrontiert werden, die es auf das Leben des Kaisers abgesehen hat …“

„Dann seid ihr der Meinung, es solle verboten werden?“ Ishikawa sprach aus, was sie unausgesprochen gelassen hatte und seufzte. „Die Phönix und die Löwen werden hocherfreut sein, wenn sie mitansehen dürfen, wie diese Magie, die sie für Ketzerei halten, ausgerottet wird, aber die Drachen und die Kraniche werden nicht tatenlos dabei zusehen, wie die Rechte ihrer Verbündeten beschnitten werden. Die Krabben wären zwar möglicherweise erleichtert, wenn sie ihren alten Feind geschwächt wüssten, jedoch würden sie vielleicht auch denken, sie wären einer neuen Möglichkeit, ihre Mauer zu verteidigen, beraubt worden. Die Skorpione würden zweifellos so oder so versuchen, aus der Situation irgendwie Profit zu schlagen. Vor allem jedoch werden die Einhörner dem Kaiser nicht wohlgesonnen sein, wenn dieser sich weigert, die Art und Weise, auf die ihr Klan ihm dient, anzuerkennen.“

Ja, dieses Vorgehen würde viele politische Verwicklungen nach sich ziehen, aber Bedrohungen aus der Geisterwelt waren deutlich vieldimensionaler und gefährlicher als bloße Sorgen aus der Welt der Sterblichen. Kaede antwortete: „Wenn sie jedoch diese Zauberei, die ihre Ursprünge in den Brennenden Sanden hat, ins Reich mitgenommen haben, dann ist es nun sicherlich am Kaiser, in seiner großen Weisheit zu entscheiden, ob derlei Künste weiterhin im Dienste des Kaiserreiches ausgeübt werden dürfen.“ Aufgrund seiner Eigenschaft  als Bindeglied zwischen der Sonnengöttin und ihren verlorenen Abkömmlingen wurde der Kaiser als Gott verehrt und somit durften seine Entscheidungen ausschließlich von anderen Hantei angezweifelt werden.

Nun war der Phönix-Klan an der Reihe, den man sofort an dem tragbaren Schrein erkannte, den die Tempelwächter der Shiba-Familie vor sich her trugen. Um die Krieger herum tanzte ein Schwarm von Shugenja, Priestern und Tempelwächtern. Alle sangen sie ein Loblied auf den Geist, den sie mit sich trugen. Angeblich war es der Kami des Seppun-Hügels, der Schutzgeist des Landes, auf dem die Hauptstadt erbaut war, der seit der Stadtgründung über die Blutslinie der Hantei gewacht hatte.

„Es gibt noch eine Möglichkeit“, begann Ishikawa. „Wenn die Gefahr, wie du ja sagtest, darin liegt, nicht zu wissen, womit wir es zu tun haben, dann müsste man Meishōdō ja nicht komplett verbieten. Vielleicht würden sich die Einhörner ja bereit erklären, der Verborgenen Garde zu erklären, worum es sich dabei genau handelt und wie es funktioniert?“

„Die Iuchi werden ihre Geheimnisse nur sehr ungern offenbaren“, stellte Kaede klar. Eine so einfache Lösung wie jene, die der Kommandant gerade vorgeschlagen hatte, würde niemals funktionieren.

„Der Einhorn-Klan handelt stets pragmatisch. Womöglich wird ihre Streiterin entscheiden, dass es für den Klan vorteilhafter ist, der Bitte der Seppun zu entsprechen, als ein Verbot der Zauberkünste ihrer Shugenja in Kauf zu nehmen.“

„Wir werden sehen“, erwiderte Kaede. Ishikawa blickte in Richtung der Menschenmenge.

Die nächste Abordnung schlich sich heran. Sie folgten den Phönix auf dem Fuße, so wie der tiefste Schatten immer auf das hellste Licht folgt. Eine Gruppe von Akrobaten taumelte umher, verrenkte die Glieder und sprang vom Rücken des jeweils anderen hinab. Die Akrobaten wirbelten durch die Luft, bevor sie anmutig auf ihren Füßen landeten. Auch Tänzer waren darunter, die eine Maske nach der anderen aufsetzten, und in ihren Seidengewändern umherwirbelten, so dass es schien, als ob sie über dem Erdboden schwebten. Auch das musste eine Art Trick sein, wobei Kaede keine Vorstellung davon hatte, wie dieses Kunststück bewerkstelligt werden sollte.

„Ich bin nicht der einzige, dem der Kaiser sein Ohr leiht. Er hat viele Ratgeber und Ihr könnt Euch sicher sein, dass jeder von ihnen eine andere Meinung zu dieser Frage vertreten wird. Eine wie auch immer geartete Entscheidung wird also weder unüberlegt noch schnell gefällt werden.“

Bis dahin könnte es womöglich bereits zu spät sein. Sie würde Mittel und Wege finden müssen, um diese anderen Ratgeber auf ihre Seite zu ziehen, oder sie musste einen Weg finden, um die kaiserliche Familie selbst zu schützen. „Die Entscheidung über diese Angelegenheit kann nicht hinausgezögert werden wie so viele andere Dinge bei Hofe! Bitte, tragt mein Anliegen dem Kaiser sofort vor, ich flehe Euch an. Um meinetwillen, aber auch um des Kaisers willen.

          Ishikawa sah ihr direkt in die Augen, zu lange, aber keiner der beiden brachte es fertig, den Blick abzuwenden.

„Sei’s drum, Kaede-san. Falls der Kaiser Eure Bedenken tatsächlich ernst nimmt, wird er aber Hilfe benötigen, um die neuen Gesetze auch durchzusetzen. Wir haben da natürlich die Smaragdgrünen-Magistrate, aber von einst auch die Jade-Magistrate  –“ Ein Jubeln ging durch die Menge und schnitt ihm das Wort ab.

„Die Phönix werden helfen, wo sie nur können, sie werden jegliches Opfer erbringen“, warf Kaede schnell ein. Jahrhundertelang war es nicht notwendig gewesen, einen Jade-Streiter zu ernennen, und nun war es genauso wenig notwendig. Die Elementarmeister waren die oberste Autorität in spirituellen Dingen und sie würden sich selbst um die Implementierung des Gesetzes kümmern. Sie würden dafür sorgen, dass es keinen Grund gäbe, um das kaiserliche Ministerium, das einst mit der Verfolgung ketzerischer Shugenja betraut gewesen war, wieder einzusetzen.

Den Schluss der Prozession bildete die Abordnung, die sie am meisten fürchtete. Ihre Krieger ritten auf furchteinflößenden Schlachtrössern einher, die weiß-purpurne Tracht, die sie trugen, war mit Mustern verziert, die Kaede noch nie zuvor gesehen hatte. Die Pferde verströmten einen faulig-süßlichen Gestank, bei dessen Geruch sich ihr der Magen umdrehte. Ihr Herz schlug im Einklang mit dem Trappeln der Hufe auf der gepflasterten Alllee, jedes Wiehern und jedes Schnauben der Pferde ließ sie erschaudern.

Bitte, lass nicht zu, dass etwas Schlimmes passiert“, betete sie. Ihre Kräfte wallten in ihr empor, ohne dass sie es beabsichtigt hatte. Die Leere schwappte mit all ihrer Kälte über Kaedes Füße, als ob sie in einer sternenklaren Nacht in der Ozeanbrandung stünde. Obwohl es ein heißer Tag war, zitterte sie unter den vielen Lagen ihrer Gewänder.

„Kaede, seid Ihr – “

„Kümmert Euch nicht um mich“, stieß sie mühsam und mit matter Stimme hervor. „Geht zurück zum Kaiser. Sorgt dafür, dass er in Sicherheit ist.“

Während die Pferde im Kreis trabten und mit ihren Bewegungen ein Muster woben, dass der täglichen Wanderung der Sonne glich, hielt eine Einhorn-Shugenja in der Mitte der Kreises einen Talisman mit goldenen Schwingen in die Luft, darauf glitzerte ein Rubin in Amaterasus Licht.

Nein!

Die Leere zog ihr den Boden unter den Füßen weg, der reißende Strom ihrer Kräfte drohte sie zu verzehren. Lass los, und du wirst alle Macht haben, die du brauchst. Ergib dich in den Willen des Kosmos.

Ich werde nicht nachgeben. Aber ich muss es sehen … Ihr Blick wurde trüb und richtete sich nun in die Sphäre der Leere. Wo es zuvor nur die Parade gegeben hatte, war nun eine schier unendliche Zahl von Menschen auf der Allee zu sehen. Es waren die Seelen aller Hauptstadtbewohner, die jemals gelebt hatten – zurückreichend bis in die dunkelste Vergangenheit – und jemals in der Zukunft leben würden. Sie bestanden aus vierfarbigen Elementarteilchen, die ineinander zerliefen. Krieg, Friede, Verwüstung und Schändung. Sie suchte angestrengt nach einem einzelnen Zeitfaden, um einen Blick auf den Ort zu werfen, an dem die Einhorn-Shugenja gestanden hatte.

Die Kälte der Leere übte Druck auf sie aus, versuchte sie zu ertränken. Da! Nur für einen kurzen Moment konnte sie es sehen: ein Geistwesen, eine Schattenkreatur aus rauchlosem Feuer, eine gehörnte Bestie. Von unsichtbaren Ketten gebunden, brüllte die Kreatur ihre Wut heraus und bäumte sich auf, um sich loszureißen.

Tiefer und immer tiefer, hinab ins Nichts, Kaede war eins mit dem endlosen Ozean der Leere  –

Besinne dich auf dich selbst. Kaede rief sich die Worte ihres Vaters in Erinnerung. Gibt darauf Acht, dich nicht in der Leere zu verlieren.

Ich bin Isawa Kaede, die Tochter von Ujina und Ninube, die Schwester von Tadaka, die spirituelle Beraterin von Hantei XXXVIII., verlobt mit Akodo Toturi, befreundet mit Ishikawa …

Sie tauchte aus der Dunkelheit auf, ihr stockte der Atem, als sie erneut die Wärme der Sonne auf ihrer Haut verspürte. Der Kaiser – die Prinzen –

Die Menschenmenge schrie auf – vor Vergnügen, nicht aus Angst.

Sie presste ihren Rücken gegen die Festungsmauer, ihre Beine zitterten, ihr Atem ging stoßweise. Sie hoffte inständig, dass niemand sie taumeln gesehen oder gar bemerkt hatte, dass sie beinahe ihr Selbst in den Weiten der Leere verloren hätte.

Die Einhörner beendeten ihre Darbietung mit einer Verbeugung in Richtung des Kaisers und ließen ihre Pferde am Torhaus vorbeitraben.

Die meisten Zuschauer verloren nun das Interesse an der Parade, sie begaben sich zu anderen Feierlichkeiten oder wandten sich den unzähligen Essens- und Weinständen zu. Der Krabben-Klan, der als nächstes an der Reihe war, hatte nur ein kleines Kontingent von mürrisch dreinblickenden Kriegern für die Parade der Großen Klane aufgeboten.

Der Kommandant kehrte zu ihr zurück, sein Blick war misstrauisch.

„Ich konnte etwas erkennen“, stieß sie mit bebender Stimme hervor. „Ein Geistwesen, gefangen im Talisman. Es versuchte sich loszureißen, um zum Kaiser zu gelangen.“

Für einen langen Moment sah er sie an. Seine Augen verrieten ihr, dass er ihren Worten zwar Glauben schenkte, aber noch nicht vollends überzeugt war. „Ich werde mich darum kümmern, Seine Majestät den Kaiser zu warnen, aber für mehr kann ich nicht garantieren.“ Er verabschiedete sich mit einer Verbeugung und kehrte zum Torhaus zurück.

„Mögen die Götter uns gnädig sein“, flüsterte Kaede.

Nun war nur noch der Drachenklan übrig. Botschafter Kitsuki Yaruma und seine kleine Schar von Kriegern marschierten in Schweigen gehüllt über die Allee.

Der Botschafter drehte sich um und starrte zu Kaede hinüber, sein Blick war kalt und wissend, und sie konnte sich beim besten Willen nicht erklären, warum.

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