Nach Süden – Teil 2

Nach Süden – Teil 2

Von Marie Brennan 

Bedachte man den Ruf des Shinomen Mori, wollte Shinjo Tatsuo beinahe glauben, dass der Anblick direkt vor ihm eine von listreichen Geistern geschaffene Illusion war.  

Mindestens zwei Dutzend ashigaru des Krabben-Klans waren damit beschäftigt, den Wald zu roden. Sie wurden von einem Samurai mit schroffem Gesicht und vielen Papierrollen unter seinem Arm beobachtet. Betrachtete man den beachtlichen Stapel gefällten Holzes, gingen sie wohl schon seit einiger Zeit ihrer Arbeit nach. Mit den beim Roden abfallenden Ästen hatten sie eine ordentliche Palisade errichtet. Es war eine Holzfäller-Expedition, daran bestand kein Zweifel. Doch was machten sie hier in diesem uralten Wald? 

Ihre Begleiterin, die Hiruma-Kundschafterin, führte sie schweigend in das Lager. Sie beauftragte eine Gruppe ihrer eigenen ashigaru, Tatsuos zu beobachten, dann führte sie Tatsuo und Rimei zu ihrem Kommandanten, der seine Papierrollen zur Seite legte, als sie sich näherten. „Gunsō-san“, sagte die Kundschafterin mit einer kurzen Verbeugung. „Diese Einhörner haben unser Lager entdeckt.“ 

„Wir haben den Rauch untersucht“, korrigierte sie Tatsuo. „Ich bin Shinjo Tatsuo, ein gunsō der Shinomen-Wegfinder und dies ist Iuchi Rimei. Wir haben eine Kreatur verfolgt, die außerhalb eines Einhorn-Dorfes weit von hier im Norden gesichtet wurde. Wir dachten, dass egal wer für den Rauch verantwortlich war, uns bestimmt bei unserer Suche helfen könnte.“ 

Er war der Anführer ihrer Patrouille, aber Rimei war für alle spirituellen Themen zuständig und mischte sich ein. „Was machen eure Leute überhaupt hier? Den Shinomen Mori roden – seid ihr euch überhaupt bewusst, welche Geister ihr verärgern könntet? Habt ihr irgendeinen Weg, sie zu kontrollieren?“ 

Hinter ihnen ertönte eine neue, gleichzeitig witzig und genervt klingende Stimme. „Das ist meine Aufgabe.“ 

Tatsuo drehte sich um und sah einen zweiten Mann auf sie zukommen. Er trug keine Rüstung, aber seine hakama und die zurückgekrempelten Ärmel zeigten auch nicht die ansonsten übliche Formalität der shugenja-Kleidung. Wäre da nicht seine beunruhigende Gesichtsbemalung, in Form eines weiß geschminkten, von roten Linien durchbrochenen Gesichts, hätte Tatsuo ihn niemals als Kuni identifiziert. Der Neuankömmling fixierte Tatsuo und Rimei mit seinem Blick und sagte: „Shinomen-Wegfinder? Ich dachte ihr Einhörner bevorzugt das offene Gelände.“ 

„Unsere Aufgaben führen uns nicht immer dahin, wo wir uns wohlfühlen“, sagte Tatsuo steif und wandte sich wieder dem Kommandanten zu. „Bitte vergebt Rimeis forsche Art Fragen zu stellen, aber die Antwort steht weiterhin aus. Ich bin froh, dass ein shugenja zu eurer Gruppe gehört, aber dieser Wald birgt viele Gefahren und ihn um seine Bäume zu berauben, könnte schreckliche Folgen haben.“ 

Der Kommandant schien unbeeindruckt. „Wir kennen die Risiken. Aber wie ihr sagt: Unsere Aufgaben führen uns nicht immer dahin, wo wir uns wohlfühlen. Heki beruhigt die Geister der Bäume, bevor wir sie fällen.“ 

Das musste der Name des Kunis sein. „Gibt es in eurem eigenen Land keine Bäume?“ 

„Keine, die unsere Bedürfnisse erfüllen“, sagte er. „Darf ich mich vorstellen: Kaiu Shuichi, Ingenieur des Zwölften Turm-Kommandos. Wir brauchen große Stämme, um Reparaturen am nördlichen Ende der Kaiu-Mauer durchzuführen und diese hier sind am nächsten für uns. Wir haben die Kaiserliche Erlaubnis, um hier zu roden.“ 

Unter der Aufsicht eines Kaiu-Ingenieurs war es kein Wunder, dass das Lager so stabil errichtet wurde. Doch Tatsuo vermutete, dass für solche Verteidigungsanlagen nicht nur die altbekannte Vorsicht des Krabben-Klans verantwortlich war. Ein Gefühl, das sich noch verstärkte, als Shuichi erneut zu sprechen begann. „Diese Kreatur, die ihr verfolgt. Was ist es?  

Er fragte so, als würde er die Antwort schon kennen. Tatsuo sah keinen Grund, Informationen zurückzuhalten. Erst Recht nicht mit Rimeis Verdacht. Höflinge mochten Informationen wie Schätze hüten und sie nur im Notfall antasten, aber hier im Hinterland des Kasierreichs sah er in der Zusammenarbeit mit dem Krabben-Klan nur Vorteile. „Wir wissen es nicht“, gab er zu. „Sie ist groß und hinterlässt eine breite, flache Spur. Und sie ist schnell. Wir … es ist uns in den Sinn gekommen, dass es von weiter …. Süden kommt.“ Er konnte sich nicht dazu durchringen, sie verdorben zu nennen. 

„Unmöglich“, sagte Shuichi ohne Zögern. Bevor Tatsuo ihn für seine Arroganz kritisieren konnte, fügte er hinzu: „Kogoe kundschaftet konstant die Gegend aus und Heki würde bei dem kleinsten Anzeichen von Verderbnis aus den Schattenlanden Alarm schlagen.“ 

„Aber ihr habt etwas gesehen“, sagte Tatsuo. 

Shuichi schaute an ihnen vorbei, vermutlich auf Kogoe von den Hiruma-Kundschaftern. Kogoe sagte: „Gesehen, nein. Jedoch sind einige unserer Arbeiter verschwunden. Meistens spurlos, aber an einem Ort habe ich eine flüchtige Spur gefunden, die eurer beschriebenen entspricht.“ 

„Wie lange ist das her?“ 

„Sechs Tage.“ 

Es war völlig ausgeschlossen, dass die Kreatur, welche sie verfolgten, schon vor sechs Tagen hier war; ihre Spur war nicht so alt. Das bedeutete aber, dass es mehr als eine gab. „Was meint ihr damit, ‚flüchtige Spur‘?“ 

„Ich meine damit nicht, dass ich sie verloren habe“, sagte sie. „Ich meine damit, dass sie abrupt aufhörte. Und Heki kennt nichts, das fliegt und eine solche Spur hinterlässt, oder?“ 

„Nein“, gab Rimei zu. „Wir sind unserer Spur nicht weit von hier gefolgt. Wir sind nur von ihr abgewichen, weil wir den Rauch eures Feuers gesehen haben. Kehren wir zu ihr zurück, finden wir womöglich den Ursprung des Problems. Eures und unseres.“ 

Das war sehr optimistisch von ihr, bedachte man die bisherige Erfolgslosigkeit ihrer Expedition. Aber Tatsuo war jetzt noch weniger gewillt, einfach aufzugeben. Er starrte an der Palisade vorbei in den Wald. Er war sich sicher, dass dieser die Antwort enthielt … sollte er es riskieren, sie zu verlangen.  

Bereits jetzt hatte er seine Patrouille weit über die Grenzen ihres Zuständigkeitsbereiches hinaus geführt. Und es war gut möglich, dass nicht nur ein, sondern gleich zwei Klane von dieser unbekannten Gefahr bedroht wurden.  

„Kaiu-san“, sagte er. „Offensichtlich musst du deine Anstrengungen darauf richten, dieses Lager zu beschützen, was bedeutet, dass du nicht viel dazu beitragen kannst, die nähere Umgebung zu erkunden. Wir aber sind vertrauter mit den Gefahren des Shinomen Mori und diesen weiten Weg gekommen, um Ermittlungen anzustellen. Ich werde meine Patrouille in einem Kreis durch dieses Gebiet führen. Finden wir etwas, werden wir euch davon berichten, bevor wir nach Norden zurückkehren.“ 

„Gunsō-san!“, Rimei starrte ihn an. Ihr plötzlicher Wechsel zur formalen Anrede zeigte, wie sehr der Vorschlag sie alarmierte. Es war eine Sache nach Süden zu reiten, aber tiefer in den Wald vorzudringen … 

Tatsuo schüttelte den Kopf. „Nicht du. Ich stimme Kaiu-San zu und möchte, dass du in diesem Lager bleibst, bis wir zurückkehren.“ Oder bis sicher war, dass sie nicht zurückkehren würden. 

Ihr Gesichtsausdruck versprach Rebellion. „Wie gedenkst du mit einem Geist umzugehen, wenn du keine shugenja an deiner Seite hast?“ 

„Mir ist nicht danach, überhaupt mit ihm umzugehen. Wir werden nur kundschaften.“ Er wusste so gut wie sie, dass solche Pläne nur selten aufgingen, aber er würde nicht dafür verantwortlich sein, sie an den Wald zu verlieren.  

Kuni Heki unterbrach sie. „Bleiben sie hier, Iuchi-san, ist uns eine Zusammenarbeit möglich und wir können mehr von den Geistern lernen. Wenn sie kundschaften möchten, Shinjo Sama …“ Er wandte sich an seinen eigenen Kommandanten. „Können wir ihnen Kogoe-san zur Unterstützung geben?“ 

In Anbetracht wie geschickt Kogoe sich an Tatsuo angeschlichen hatte, wusste er, dass sie nützlich für sie sein könnte. Er verbeugte sich vor Shuichi. “ Der Ruf der Hiruma ist wohlbekannt im Reich des Einhorns. Ich wäre für Unterstützung sehr dankbar.“ 

Shuichi nickte. „Findet die Ursache dieser Phänomene heraus und löst sie.“ Obwohl er nur die Autorität besaß Kogoe zu befehligen, wandte er sich mit seinem Befehl an beide Kundschafter. „Wir können es uns nicht erlauben, noch mehr Menschen oder Zeit zu verlieren.“ 

 

Tatsuo gab zu, dass Hiruma Kogoe deutlich vertrauter mit dem Wald war als er. Es gab natürlich auch im Land der Einhörner Bäume und er war in der Vergangenheit häufig in den Ausläufern des Shinomen Mori unterwegs gewesen, aber seine Vorfahren begründeten ihre Heimat in der Ebene und er fühlte sich einfach nicht wohl dabei, von seiner Umgebung so eingeengt zu werden. Sie wusste über den Shinomen aber längst nicht so gut Bescheid, wie er das tat. „Dort wo ich üblicherweise patrouilliere, begegnet mir nur wenig Freundliches“, gab sie zu, nachdem sie beinahe auf einen Hasen-Geist geschossen hätte. Er schwebte davon, kurz bevor ihr Pfeil ihn traf. „Wir sind darauf trainiert, dass alles was wir sehen, wahrscheinlich gefährlich ist.“  

„Wir Wegfinder lernen das Gleiche“, sagte Tatsuo, „aber wir versuchen, für gewöhnlich eine Konfrontation zu vermeiden. Im Shinomen sind ‚gefährlich‘ und ‚muss getötet werden‘ nicht immer das Gleiche. Die meisten Kreaturen im Wald lassen einen in Ruhe, wenn man ihnen keinen Ärger bereitet.“ 

„Wenn wir dieses Etwas finden“, sagte Kogoe düster, „möchte ich das nicht erst herausfinden müssen.“ 

 

Er konnte ihr keinen Vorwurf machen. Aber es wäre ein strittiger Punkt, sollten sie die Kreatur nicht finden. Oder die Kreaturen, wie viele es auch sein mochten.  

Kogoe fand es letztendlich heraus und bewies damit die Warnung ihres senseis. Sie stoppte Tatsuo mit ausgestreckter Hand und hauchte ein paar Wörter, beinahe zu leise, um gehört zu werden. „Ich glaube, dass sie sich durch die Bäume bewegen.“ 

Einmal darauf aufmerksam gemacht, sah er es auch. Herabgefallene Blätter und Zweige am Boden, abgeschabte Äste in den Baumkronen. Es könnten hibagon sein, die zurückgezogenen Affenmenschen, welche im Wald spukten – aber sie bewegten sich in schwunghaften Bewegungen mit ihren Armen fort und würden nicht diese Art von Spuren hinterlassen. Ohne ein Wort zu sagen, spannte er einen Pfeil in seinen Bogen. Kogoe tat ihm gleich. 

Nicht lange und sie hörten ein Geräusch über ihren Köpfen. Nicht die Geräusche von Tieren oder ihren Geistern und auch nicht das Weinen einer Frau oder eines Babys, welche die Unbedarften in ihr Verderben locken wollten. Sie hörten zwei verschiedene Geräusche, die sich gegenseitig abwechselten – wie es bei einer Unterhaltung der Fall war. Doch ihr Tonfall entsprach nicht dem eines Bewohner Rokugans.  

Kogoe und er teilten sich auf, damit, sollte einer von ihnen entdeckt werden, der andere angreifen oder flüchten konnte. Tatsuoe setzte behutsam einen Fuß vor den anderen und bewegte sich so vorsichtig vorwärts.  

Die Stimmen kamen von einem engen Tal mit einem kleinen, schattigen Tümpel in der Mitte. Zwei große Steine ragten neben dem Tümpel empor, die Ausläufer des größeren Felsenmeers weiter unten –  

Einer der Steine bewegte sich. 

Kein Stein. Eine Kreatur – zwei von ihnen – die mindestens fünf Meter groß waren. Sie unterhielten sich in einer fließenden, zischenden Sprache. Eine Sprache, wie sie Tatsuo noch nie gehört hatte.  

Ihm drohten beim Anblick dieser zwei gigantischen, schlangenartigen Kreaturen, die Nerven zu versagen. Diese Art von Kreatur konnte nur aus den Schattenlanden stammen. Tatsuo dachte nicht, dass er ein Geräusch gemacht hatte … 

Doch einer von ihnen hielt abrupt inne, wandte sich um und starrte Tatsuo direkt in die Augen.